Endlich offene Grenzen

Erst hatten wir Angst vor ihnen. Heute würden wir sie mit Kusshand nehmen. Aber sie werden nicht mehr kommen. Die Möglichkeit, dass der Startschuss für die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit wirkungslos verpufft, ist groß.

Dass Deutschland seine Grenzen zunächst geschlossen hielt, war richtig. Aber jetzt sind wir zu spät dran. Briten, Franzosen, Italiener, Schweden und Finnen haben sich bereits bedient. Und die Einkommen bei unseren östlichen Nachbarn rechtfertigen auch nicht mehr das Gerede von Billiglohn-Paradiesen.

Das war zugegebenermaßen vor sieben Jahren anders. Doch die Bundesrepublik hat die Mahnungen überhört, rechtzeitig für jenen Nachwuchs in den Betrieben zu sorgen, der zur Aufrechterhaltung des Booms notwendig gewesen wäre. Das Ergebnis fällt deswegen miserabel aus, weil die Facharbeiter, die wir bräuchten, entweder weg sind oder lieber zuhause bleiben. Und weil wir deshalb Arbeitskräfte auf neuen Märkten rekrutieren müssen, die nicht der EU angehören und deshalb die Furcht vor den Dumping-Löhnen wieder hochkochen lassen. So etwas nennt man wohl eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Aus dieser Situation zu lernen, fällt offenbar schwer. Dass auch die Bundesrepublik ein Einwanderungsland werden muss, um qualifiziertes Personal überhaupt noch finden zu können, spricht sich nur langsam herum. Noch immer begegnen wir nicht nur, aber auch unseren östlichen Nachbarn mit Ressentiments, die ihnen das (Ein-)Leben hierzulande erschweren. Währenddessen rutschen die Unternehmen in einer Personalkrise ohne Beispiel, weil sie händeringend gute Leute brauchen, aber weder hierzulande noch in der Nachbarschaft finden.

Daran wird sich nach dem 1. Mai wenig ändern. Notwendig sind ganz andere Schritte, um die Bundesrepublik für Fachpersonal interessant machen. Das beginnt bei der derzeitigen Höhe des vertraglich zugesagten Einkommens und endet bei der unsäglichen Fünf-Jahres-Frist, nach der ein Aufenthalt wieder enden muss. Das schreckt viele ab, die sich mit ihren Familien auch längerfristige oder dauerhafte Aufenthalten vorstellen könnten oder wünschen würden.

Briten und Franzosen, Niederländer und Italiener sind da flexibler und einfallsreicher. In den deutschen Köpfen scheint dagegen die Befürchtung, Ausländer könnten uns etwas wegnehmen wollen, fest verankert. Das Gegenteil ist der Fall: Ohne einen geregelten Zuzug (und nur um den geht es) sind weder unser Wohlstand noch auf Dauer unser Qualitätslevel haltbar.

Insofern sollte der Stichtag für die schrankenlose Offenheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt eher als Chance denn als Bedrohung gesehen werden. Zumal Berlin wie auch Brüssel in den letzten Jahren viel dazu getan haben, um Ängste zu bekämpfen: gleiche Löhne für Inländer wie Gastarbeiter, gleiche Sozialstandards und hohe Hürden für die Anerkennung von Berufsqualifikationen und Abschlüssen.

Um es anders zu sagen: Wir sollten jeden, der nach dem 1. Mai zu uns kommt, herzlich willkommen heißen und uns wünschen, dass er möglichst lange bleibt.

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