Ein langer, langer Lauf

Kommentar: Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt

Ende August gab es fast 600.000 offene Stellen in Deutschland. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) rechnet im kommenden Jahr mit bis zu 335 000 Asylbewerbern im erwerbsfähigen Alter. Zwei Vorgaben, eine Lösung! Wir machen aus ihnen Installateure, Krankenpfleger, Metzger, Kellner, Erzieher... So einfach ist das und so falsch. Von Michael Eschenauer

Es ist ja richtig: Wer aus dem Irak, Syrien, Afghanistan oder Eritrea zu uns kommt, ist in der Regel ein Macher, sonst hätte er sich zu Hause umbringen lassen oder wäre bis zum Hungertod geblieben. Motivation bescheinigen Arbeitsmarktexperten der neuerdings in großen Zahlen zu vermittelnden Klientel. Und Eigeninitiative, Lern- und Leistungsbereitschaft sowieso, ja sogar Mehrsprachigkeit sowie eine hohe interkulturelle Kompetenz.

Vorzüglich geeignet als Therapie gegen überschießenden Optimismus ist das Projekt „Early Intervention“ der Bundesanstalt für Arbeit. Hier wurde seit Anfang 2014 versucht, 800 Asylbewerber systematisch für den deutschen Job-Mark fitzumachen. Fazit: Ganze 46 Teilnehmer konnten vermittelt werden, 13 haben eine Lehrstelle. Das ist wenig. Und hier hat man es wirklich versucht! Das Projekt zeigt nicht, dass alles hoffnungslos ist, es zeigt nur, dass es schwerer werden wird als gedacht. Und teurer. So werden bis zu 3,3 Milliarden Euro im kommenden Jahr für Lebensunterhalt, Sprachkurse und Qualifizierung von Asylbewerbern zu zahlen sein. Bis 2019 ist mit sieben Milliarden Euro zu rechnen.

Der in seiner Freizeit den Faust auf Deutsch lesende Ingenieur aus Bagdad bildet halt nur eine Minderheit im Heer der neuen Mitbürger. Schätzungen zufolge kann jeder fünfte von ihnen weder lesen noch schreiben. Bei weitem nicht jeder hat eine Fachausbildung, oder er legt einen Abschluss vor, der aufwändig kontrolliert werden muss, bevor man ihn auf eine Stelle mit Verantwortung setzt. Viele der zu 80 Prozent muslimischen Zuwanderer stammen aus extrem rückständigen Regionen - mit all den damit möglichen, zum Teil krassen kulturellen Reibungsflächen zur westlichen Lebensweise, die auch am Arbeitsplatz eine Rolle spielen können, ebenso wie übrigens das Vorhandensein tief verfeindeter Ethnien. Auch sind viele Flüchtlinge derart traumatisiert, dass sie erstmal keinen Schraubenschlüssel halten werden.

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Die Zuwanderer stellen angesichts der vergreisenden deutschen Gesellschaft eine große Chance dar. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Wer die Asylbewerber arbeiten lassen will, auf den wartet ein sehr teurer, sehr komplizierter, sehr langer Lauf. Auf viele Jahre wird es Aufgabe der Politiker sein, den Menschen immer wieder zu erklären, warum für bestimmte Dinge große Summen ausgegeben werden. Sie sollten nicht vergessen zu erwähnen, was Deutschland dafür bekommt.

Rubriklistenbild: © dpa

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