Nach dem Umsturz in Tunis

Kommentar: Fragile Wende

Die rasende Geschwindigkeit, mit der sich das tunesische Volk eines Autokraten entledigte, der das Land über 23 Jahre im eisernen Griff hielt, hat nicht nur die zahllosen Touristen überrascht, die aus einem vermeintlich stabilen Ferienparadies in einen revolutionären Hexenkessel katapultiert wurden. Von Lorenz von Stackelberg

Rund um Tunesien herum ballen sich Despoten und pseudodemokratische Ewigkeits-Präsidenten. Sie alle dürften jetzt ziemlich schockiert nach Tunesien blicken, im Bewusstsein, dass auch in ihren Reichen - Algerien, Marokko, Libyen oder Ägypten – Heere junger Menschen keinerlei persönliche Perspektiven sehen und mit wachsendem Hass auf eine exklusive Klasse von Profiteuren blicken.

In Tunesien wird diese Elite jetzt versuchen, ihre Privilegien zu verteidigen. Die wichtigsten Exponenten der Übergangsregierung sind ihr zuzurechnen, und wo die Armee eigentlich steht, muss sich erst noch erweisen. Ob die angekündigten Neuwahlen tatsächlich eine Wende zum Besseren einleiten können, ist daher fraglich, zumal es keine organisierte Opposition gibt. Sicher ist allerdings, dass keine Regierung, und bestünde sie auch aus lupenreinen Demokraten, über Nacht die gewaltigen sozialen Probleme des Landes lösen kann.

Hilfe von außen ist nicht in Sicht

Sicher ist auch, dass die Ungeheuerlichkeiten, die bald aus den Folterknästen des Regimes ans Tageslicht dringen dürften, neue Gräben in der Bevölkerung aufreißen werden. Es wird sich schnell die Frage stellen, wie weit die Geduld der Tunesier mit ihren Politikern reicht, oder ob radikalislamische Kräfte, die bislang in Tunesien - anders als etwa in Algerien – keine Rolle spielten, von der neuen Entwicklung profitieren können.

Hilfe von außen ist jedenfalls nicht in Sicht. Die Europäische Union, vor deren Haustür Polizisten auf friedliche Demonstranten schossen, hat durch betretenes Schweigen einmal mehr außenpolitische Bedeutungslosigkeit demonstriert, und auch die USA, die sich in markigen Appellen erschöpften, werden auf Nordafrikas Zukunft wenig Einfluss nehmen können. Es liegt an den Menschen selbst, Chaos und Fanatismus eine Absage zu erteilen.

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