Professorin plädiert für Straftatbestand „Machistische Gewalt“

Frauenmord nicht hinnehmen

„Stoppt das Töten von Frauen!“Mit diesem Slogan hat die Professorin Kristina Wolff (Mitte, bei einer Aktion vor dem Brandenburger Tor) eine Online-Petition gestartet. Rund 75 800 Unterzeichner gibt es bislang. Foto: chance.org
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„Stoppt das Töten von Frauen!“Mit diesem Slogan hat die Professorin Kristina Wolff (Mitte, bei einer Aktion vor dem Brandenburger Tor) eine Online-Petition gestartet. Rund 75 800 Unterzeichner gibt es bislang. Foto: chance.org

VON NINA BECK.

Offenbach – Das Jahr ist noch jung, zwei Wochen erst alt, doch schon gibt es deutschlandweit acht Morde an Frauen zu verzeichnen, Femizide, wie die Ingelheimer Professorin Kristina Wolff sie nennt. Auf ihrem Instagram-Profil savexx_ger rückt sie die mahnende Anklage an (tödliche) Gewalt gegen Frauen bedrückend in Szene. Darauf zu sehen: hälftig immer dasselbe Gesicht einer Frau, das Auge vom Querbalken eines Kreuzes verdeckt. „Name unbekannt“ steht daneben, gefolgt vom Alter des Opfers, einer kurzen Tatbeschreibung und dem Tatort. Auch die Messerattacke auf eine 39-jährige Frau am 30. Dezember in Offenbach ist aufgeführt. „Solche Meldungen werden in der Presse oft trivialisiert“, sagt Wolff. „Dabei ist es in diesem und in vielen anderen Fällen reines Glück, dass die Frau noch lebt.“

Es war ebenfalls eine Presseberichterstattung, welche die heute 52-jährige Professorin Anfang 2019 dazu veranlasste, eine Petition auf der Plattform change.org zu initialisieren. Schließlich hatten mehrere überregionale Zeitungen zum Jahresbeginn mit einem Aufschrei der Empörung auf Frauenmorde – sechs in nur einem Monat – in Österreich reagiert. Laut Wolff ein Ablenkungsmanöver. Denn in Deutschland zählte sie allein innerhalb der ersten zwei Januarwochen 2019 unter Berufung auf Pressemeldungen zehn Tötungsdelikte an Frauen.

Laut Statistik des Bundeskriminalamts (Stichwort: Partnerschaftsgewalt) hat im Jahr 2017 fast jeden Tag ein Mann versucht, seine (Ex-) Partnerin zu töten (364 Fälle). 141 Frauen kamen so ums Leben, ein Jahr später waren es laut BKA-Statistik bundesweit 118. Die Zahlen für 2019 liegen aktuell noch nicht vor, Wolff selbst aber hat – anhand von Presseberichten – mindestens 176 getötete Mädchen und Frauen gezählt.

Etwa viermal so häufig wie Männer, zeigen die BKA-Statistiken der vergangenen Jahre, werden Frauen in Deutschland Opfer von Tötungsdelikten innerhalb von Partnerschaften. Und in zwei Dritteln aller Fälle, sagt Wolff, sind die Täter deutsche Staatsbürger.

„Als Frau leben Sie in jedem Land gefährlich“, betont die Professorin und ergänzt: „Das Problem ist strukturell bedingte, männliche Gewalt. Die jüngsten Daten von Eurostat weisen Deutschland im europäischen Vergleich in Bezug auf geschlechtsbedingte Gewalt als extrem gefährlich aus.“ Für sie ein unhaltbarer Zustand: „Da müssen wir als Gesellschaft ran, der Ist-Zustand ist unseres Rechts- und Sozialstaates unwürdig“, findet Wolff. Der Titel ihrer Petition spricht für sich: „Stoppt das Töten von Frauen #saveXX“. Rund 75 800 Menschen haben diese bereits online unterzeichnet, darunter auch viele Männer.

Adressiert hat Wolff ihre Petition an Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD). Ihrer Ansicht nach ignorierten beide, wie auch die ebenfalls zuständigen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU), seit Jahren den akuten Handlungsbedarf in Bezug auf die Gesetzesvorgaben der Istanbul-Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt), die bereits seit 2018 geltendes Bundesgesetz ist.

Der Jahresetat für Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen etwa sei von 2019 zu 2020 gar noch gekürzt worden. Und das in einer Zeit, in der bundesweit massiv Plätze in Frauenhäusern fehlen. „Der Schutz für die Betroffenen muss gesichert werden“, fordert Wolff daher. „Es bedarf dringend adäquater Budgets.“ Zudem vermisst sie effiziente Gesamtstrategien zur Prävention sowie zur gesamtgesellschaftlichen Ächtung von Gewalt gegen Frauen. Und sie wünschte sich eine Überarbeitung der Strafprozessordnung, unter anderem dahingehend, dass ein Straftatbestand „machistische Gewalt“ eingeführt wird.

„Wenn es uns gelingt, Parameter zu machistischer Gewalt zu definieren – etwa Narzissmus, Selbstüberhöhung, Berücksichtigung der Umkehrmöglichkeit während der Gewaltausübung –, dann ließe sich die entsprechende Gesetzgebung auch auf viele weitere Bereiche anwenden, etwa auf Delikte der Autoraser-, Motorrad-, Clan-, Jugendgang-, Hooligan- und Extremisten-Szene“, argumentiert Wolff. Und betont gleichsam: „Die Wertungskriterien sind geschlechtsunabhängig. Es gibt auch Frauen, die Männer umbringen, mein Ziel ist keinesfalls eine geschlechtsspezifische Gesetzgebung.“

Es gäbe noch viele konkrete Maßnahmen zu nennen, welche die Ingelheimerin als dringlich ansieht, angefangen etwa bei einem Qualitätsmanagement für das Rechtswesen über kontinuierliche Signale aus der Politik, um ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Thematik zu schaffen (etwa Gedenkveranstaltungen) bis hin zu Schulungen und Anti-Aggressionstrainings von der frühkindlichen Erziehung an bis zur Berufsbegleitung.

Im Sommer hat Wolff auch eine Petition beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags eingereicht. Der Ausschussdienst allerdings lehnte die Veröffentlichung auf dessen Internetseite ab – und begründete dies in erster Linie mit formalen Aspekten. Die Ablehnung stelle „keine Vorentscheidung über die inhaltliche Bewertung dar“ heißt es immerhin in einem Schreiben an Wolff. Und deren Petition auf change.org jedenfalls läuft weiter – nächstes Ziel, steht da: 150 000 Unterschriften.

Infos im Internet

instagram.com/saveXX_ger

change.org/saveXX

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