Kommentar: Zu früh gefreut

Wir werden also mit großer Wahrscheinlichkeit ein parteiloses Staatsoberhaupt bekommen. Joachim Gaucks Kandidatur fällt dem Land als Ergebnis von Parteitaktiken zu, die dem Wahlvolk als überparteilich „verkauft“ wurden.

Natürlich war es kein Schulterschluss, denn das Geschacher wird fröhlich fortgesetzt. Für SPD, Grüne und FDP geht es vor allem darum, Angela Merkel zu schaden. Von einer krachenden Niederlage der Kanzlerin ist wieder und wieder die Rede, von einem Coup mit den Liberalen, die als eigentliche Gewinner des Gauck-Krimis gefeiert werden. Das Gefühl an der Basis sei, „die FDP ist wieder da“, jubelte Wolfgang Kubicki, Fraktionschef der Liberalen im Landtag in Kiel.

Erneut werden die Bürger verschaukelt. Denn wer genauer hinguckt, wird zu dem Schluss kommen, dass FDP-Chef Philipp Rösler jetzt mehr denn je auf der Hut sein muss. Merkel hat letztlich viel Glück mit dieser Präsidentenkür: Wenn Gauck doch noch fahrlässig in Fettnäpfchen treten sollte, kann sie durchblicken lassen: Er war ja nicht meine erste Wahl. Die Kanzlerin kann die Liberalen zudem jetzt noch intensiver mit politischen Themen quälen, die Rösler und Co. in den Landtagswahlkämpfen ins Leere laufen lassen. Und dann ist ja auch dank der FDP-Gauck-Revolte die nächste Affäre im Keim erstickt worden, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Keine quälende Präsidentenwahl-Debatte mehr, bei der man sich wieder daran erinnern könnte, dass Frau Merkel für die Wulff-Krise verantwortlich war, weil sie sich damals voreilig und ohne ausreichende Prüfung der „niedersächsischen Verhältnisse“ auf den Parteifreund aus Hannover festgelegt hatte. So kann sie sich jetzt zurücklehnen und weiter uneingeschränkt als die Garantin einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands positionieren, mit ein wenig Härte gegen Griechenland, aber auch als Euro-Retterin. Übrigens: Genau mit diesen Themen werden die nächsten Wahlen gewonnen (oder verloren).

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