Führung der Nord-CDU für de Jager als Spitzenkandidat

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Der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU).

Kiel - Eine schockierte Nord-CDU quält sich zu einem Neuanfang. Der Absturz des einstigen Hoffnungsträgers von Boetticher wegen einer Beziehung zu einer Minderjährigen hinterlässt tiefe Spuren. Minister de Jager soll die Partei nun aus der Krise führen.

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Wundenlecken bei der Nord-CDU - und ein klares Votum für einen neuen Hoffnungsträger: Nach dem spektakulären Scheitern des einstigen Carstensen-Kronprinzen Christian von Boetticher steuert die angeschlagene Partei in gedrückter Stimmung einen Neuanfang an. Mit Wirtschaftsminister Jost de Jager als Spitzenkandidat zur Landtagswahl im Mai 2012 und eventuell auch als Landesparteichef könnte die schockierte Partei aus der Krise herauskommen, hoffen viele Christdemokraten. Einstimmig fiel am Dienstagabend das Votum des Landesvorstandes und aller Kreisvorsitzenden für de Jager aus.

De Jager bekundete Siegeswillen für die Wahl im Mai 2012: “Ich trete bei dieser Wahl an, um zu gewinnen.“ Er wolle aber auch inhaltlichen Gestaltungswillen zeigen. Die CDU-Spitze bemühte sich demonstrativ, Zuversicht auszustrahlen.

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Am Dienstag beriet zunächst die Landtagsfraktion die vertrackte Lage. Die Affäre um die Beziehung des heute 40-jährigen Boetticher zu einer damals 16-Jährigen im vergangenen Jahr war auch am Dienstag noch bundesweit in den Schlagzeilen. Erst vor zwei Jahren hatte es Schleswig-Holstein mit dem Bruch der CDU/SPD-Koalition nach langem internen Gezänk geschafft, das politische Sommerloch zwischen Sylt und Allgäu zu füllen.

Die anhaltend große öffentliche Resonanz hat zwei Aspekte: Zum einen sind es das im Frühjahr 2010 beendete Verhältnis Boettichers zu der Minderjährigen selbst und seine heutige Partnerschaft. Zum anderen steht der personelle Neuanfang der CDU im Blickpunkt des Interesses, besonders im Norden.

Eine Vorentscheidung über den künftigen Fraktionsvorsitz blieb am Dienstag aus, wobei sich überraschend Finanzminister Rainer Wiegard (62) als neuer Favorit abzeichnete. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hatte ihn gefragt, ob er das machen will. In den Sitzungen von Fraktion und Landesvorstand fragten die Christdemokraten ausgiebig nach der am Wochenende öffentlich gewordenen Beziehung ihres bisherigen Chefs und nach dem parteiinternen Informationsfluss. Immerhin kursierten Gerüchte in Kiel schon seit einiger Zeit.

Landtagspräsident Torsten Geerdts räumte ein, dass die Stimmung in der CDU gedrückt ist. Der Rücktritt Boettichers sei aber folgerichtig und unausweichlich gewesen. Immerhin - um den politischen GAU im Landtag kommt die Nord-CDU herum: Weil Boetticher Fraktionsmitglied bleibt, hält auch die hauchdünne Mehrheit der schwarz-gelben Koalition von einer Stimme.

“Ein Teil des Scherbenhaufens ist aufgefegt“, meinte Fraktionsvize Hans-Jörn Arp. Boetticher bleibt aus seiner Sicht auch ein Hoffnungsträger: “Irgendwann wird er wiederkommen“, sagte er der dpa. Der 59-jährige Arp galt zunächst als erster Kandidat für die Wahl des neuen Fraktionsvorsitzenden, die an diesem Donnerstag ansteht. Er hatte als einziger öffentlich seine Bereitschaft dazu erklärt und damit wohl auch das eine oder andere Fraktionsmitglied verärgert. Auf den Hinweis, er könne ja nun eventuell persönlich von Boettichers Rückzug profitieren, meinte Arp: “Auf den Profit hätte ich gern verzichtet.“

Der künftige Spitzenkandidat de Jager hat von Ministerpräsident Carstensen bereits mit dickem Lob einen öffentlichen “Ritterschlag“ bekommen. Der 46-Jährige gilt als kompetenter, fleißiger Ressortchef, als politischer Stratege fiel er bisher weniger auf.

Von Wolfgang Schmidt

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