Warum die Situation in Syrien vielschichtig und verworren ist / Auch viele Christen haben Angst

Fürs Assad-Regime gibt es kein Zurück

Offenbach - Seit Tagen ringt der UN-Sicherheitsrat um einen Resolutionsentwurf, der Syriens grausames Vorgehen gegen das eigene Volk verurteilen soll. Ob diese Resolution je zustande kommt, ist angesichts des Widerstandes einiger Ratsmitglieder fraglich. Von Fabian El Cheikh

Russland sieht in Syrien seinen engsten Verbündeten im Nahen Osten. Ein zweites Libyen will Moskau um jeden Preis verhindern. China verwehrt sich aus Eigeninteresse prinzipiell der Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten. Und der Libanon als nichtständiges Mitglied wird einen Teufel tun, seinen teils ungeliebten Patron an den internationalen Pranger zu stellen. Der brüchige Frieden im Libanon hängt primär vom Wohlwollen des Assad-Regimes in Damaskus ab, dessen Einmischung das kleine Nachbarland schon mehrfach an den Rand eines neuen Krieges getrieben hat.

Keine Frage: Eine politische Verurteilung der barbarischen Gewalt des syrischen Militärapparates wäre das Mindeste, worauf sich das UN-Gremium einigen müsste. Alles andere würde ein erneutes moralisches Scheitern der internationalen Gemeinschaft bedeuten. Und doch wäre eine solche Resolution nutzlos, denn ein Stück Papier kann die Gewalt nicht beenden. Wer schon sollte Assad stoppen? Der Präsident weiß: So eng er mit dem schiitischen Mullah-Regime im Iran verbandelt ist, so wenig muss er eine militärische Intervention seitens des Westens fürchten. Syrien ist nicht Libyen. Syrien spielt in direkter Nachbarschaft zu Israel eine entscheidende Rolle, wenn es um Krieg oder Frieden geht im Nahen Osten. Und die USA, Israel und Europa wissen: Wenn Damaskus in Bedrängnis gerät, werden Syrien und der Iran die libanesische Hizbollah und die palästinensische Hamas von der Leine lassen. Mit unabsehbaren Folgen, die den stets befürchteten Flächenbrand in der Region auslösen könnten. Sollte eine wie auch immer geartete Resolution den legitimen friedlichen Protest der Syrer weiter anfeuern, wird es noch mehr Tote geben. Für das Assad-Regime gibt es kein Zurück mehr. Wer im staatlichen Fernsehen erklärt, die Armee werde „auf Wunsch der Bevölkerung“ entsendet, um „bewaffnete Banden“ zu bekämpfen, und anschließend die Wohnviertel einer Stadt in der Größe von Rodgau mit 200 Panzern und Kampfhubschraubern in Schutt und Asche schießt, wer junge Männer verschleppt oder tötet und mit der Ernte die Lebensgrundlage der Menschen vernichtet, lässt keinen Zweifel daran, dass er verbrannte Erde hinterlassen wird.

Das ist ein großer Unterschied zur Situation in Libyen: Es geht um mehr als nur ums politische Überleben des syrischen Regimes. Macht und Einfluss sind im Kerngebiet des Nahen Ostens untrennbar mit der eigenen religiösen Zugehörigkeit verbunden. In Syrien herrscht eine religiöse Minderheit. Bashar al-Assad und sein Bruder Maher, der die gefürchteten Armeeeinheiten befehligt, gehören einer kleinen, seit Jahrhunderten verfolgten Sekte an. Sie sind schiitische Alawiten, die gerade mal zehn Prozent der Gesellschaft ausmachen. Wenn die Assads stürzen, dann fällt auch der Schutz der religiösen Minderheiten in Syrien.

Davor haben nicht nur die Alawiten Angst, sondern auch die vielen Christen im Land, die es unter dem Dach der herrschenden Baath-Partei zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Wer wird sie vor den Rachegelüsten einer sunnitischen Mehrheit schützen, die sich 40 Jahre lang einem immens repressiven und aus ihrer Sicht ketzerischen Regime beugen mussten? Nach wie vor stehen viele Syrer hinter ihrem Präsidenten. Er und sein Bruder werden weiter kämpfen, sollte es auch 100 000 Tote geben.

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