Fürs Lebensende planen

Dr. Stephan Sahm vom Ketteler Krankenhaus in Offenbach

Seit Monaten ringt der Bundestag um die Frage, ob eine Patientenverfügung gesetzlich geregelt werden muss. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat sich jetzt für den strengsten, von Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) vorgelegten Entwurf ausgesprochen. „Nach den intensiven Debatten, die wir geführt haben, sollten wir uns jetzt entscheiden.

Wir sind es denen schuldig, die in konkreten Situationen im Krankenhaus handeln müssen“, betonte die CDU-Politikerin. Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt für eine liberalere Regelung ein.

Zu den neun Sachverständigen, die am 4. März im Rechtsausschuss des Bundestags in Berlin angehört werden, gehört auch Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt der Medizinische Klinik I am Ketteler-Krankenhaus in Offenbach. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey

Ärzteorganisationen sehen keine Notwendigkeit, die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen gesetzlich zu regeln. Wie stehen Sie dazu? Welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis gemacht?

Die Praxis zeigt ein Paradox. Viele Menschen halten die Patientenverfügung für eine wichtige Sache. Doch nur sehr wenige haben eine verfasst. Und nur in einem Teil der Fälle trifft die Verfügung die aktuelle, vorliegende Situation. Kaum jemand vermag sich konkret festzulegen. Es gibt bessere Wege, der verständlichen Furcht vor einer grenzenlosen Medizin zu begegnen.

Drei Gesetzentwürfe jeweils von franktionsübergreifenden Gruppen von Abgeordneten stehen zur Diskussion. Sie neigen zum sog. Bosbach-Gesetzentwurf. Warum?

Wir haben zu dem Thema zwei in Europa einzigartige Untersuchungen durchgeführt. Die wurden auf Kongressen mit Preisen ausgezeichnet. Meine Einschätzung spiegelt also nicht nur eine Meinung wieder, basiert vielmehr auf großen Umfragen. Die große Mehrzahl von Personen sieht sich nicht in der Lage, die schwierigen Situationen bei schwerer Krankheit im Voraus einzuschätzen. Und das Überraschende ist, das gilt sogar für Ärzte und Pflegende, die es wissen könnten. Wenn man sie fragt, ob sie diese oder jene Behandlung wünschen, antworten sie: Ich weiß es nicht. Im Entwurf der Abgeordneten aus CDU, SPD und Grünen ist daher wenigstens eine Beratung vorgesehen. Sie soll sicherstellen, dass die Betroffenen wissen, worüber sie eine Festlegung treffen. Dann allerdings soll gelten, was in der Verfügung steht.

Kritiker werfen Bosbach aber vor, sein Vorschlag sei nicht praxistauglich, zu bürokratisch.

Den Einwand kenne ich. Man kann den Entwurf an einer wichtigen Stelle verbessern. Das betrifft überwiegend nur die Regelung von Konflikten, d.h. wann ein Vormundschaftsgericht eingeschaltet werden muss. Ich habe darauf in meiner Stellungnahme für den Bundestag hingewiesen.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sagen:  Ich möchte am Lebensende nicht nur von Maschinen abhängig sein?

Ich habe nicht nur Verständnis dafür. Das scheint mir eine Selbstverständlichkeit, obgleich es auch hier Ausnahmen gibt. Gerade darum geht es ja. Wie viel Behandlung wünsche ich, wenn mein Leben zu Ende geht. Ich bin auch Palliativmediziner. Wir haben dafür das Konzept der vorausschauenden Planung entwickelt. Es stammt aus den USA. Das ist nicht nur ein Stück Papier, wie eine Patientenverfügung. Vielmehr geht es darum, bei jedem Schritt der Behandlung mit Betroffenen oder Angehörigen auch zu besprechen, wie weit wollen wir wirklich gehen. Bei unseren Krebspatienten spielt die Übertherapie daher auch keine Rolle. Dann erübrigt sich die Patientenverfügung.

Was raten Sie älteren Mitbürgern, die jetzt eine Patientenverfügung erstellen möchten?

Das Wichtigste ist: Benennen Sie eine Person als Bevollmächtigte für Fragen der Gesundheit und Krankheit. Dazu braucht man nicht einmal einen Notar. Man schreibt es einfach auf und unterschreibt. Der Gesundheitsbevollmächtigte hat das Recht und die Pflicht, den Willen des Patienten zu verwirklichen. Ärzte wünschen sich eine Person, mit der sie gemeinsam entscheiden können, wenn die Betroffenen nicht mehr selbst für sich sprechen können. Dann kann man gemeinsam prüfen, was hätte der Patient im Licht der jetzt vorliegenden Lage für sich gewollt. Ich empfehle meist noch einen Satz hinzuzufügen: Die Bevollmächtigung gilt auch für Entscheidungen über die Begrenzung lebenserhaltender Behandlungen. Dann ist es eindeutig.

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