In der Sackgasse

Gewalt in Familien bleibt oftmals unerkannt

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Das Miterleben von Gewalt hinterlässt bei vielen Kindern Spuren. Die schwächsten Glieder in der Familie werden aber häufig auch selbst zu wehrlosen Opfern von Wut und Aggressionen der Erwachsenen.

Offenbach/Dietzenbach - Es sind sehr traurige Berichte: Eltern, die ihrem Nachwuchs kein friedliches und schützendes Zuhause bieten können. Von Peter Schulte-Holtey

Immer wieder hört man Geschichten über Gewalt in Familien, und immer wieder berichten die Täter, selbst nicht anders groß geworden zu sein. Sabine ist seit Jahren glücklich verheiratet. Das denken zumindest alle in ihrem Umfeld. Doch Freunde und Kollegen sehen nicht die blauen Flecken auf Beinen und auf dem Rücken durch Schläge ihres Mannes. Dieser fiktive Fall spielt sich – so oder ähnlich oder ganz anders – in erstaunlich vielen Beziehungen tatsächlich ab. Häusliche Gewalt kommt in Deutschland in den besten Familien vor. Und dabei geht es auch fast immer um Kinder. Oftmals sind sie mitbetroffen, weil sie im Haushalt der Täter leben, weil sie zu Zeugen der Gewalttätigkeit oder gar weil sie auch zum Opfer wurden; zum Beispiel indem sie versucht haben, ein Elternteil vor dem prügelnden Partner zu schützen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Peter Schulte-Holtey.

Für Diethelm Sannwald vom Dietzenbacher Beratungszentrum des Diakonischen Werks ist es eine klare Sache: „Selbst wenn an den Kindern keine körperliche Gewalt ausgeübt wurde, stellt das Erleben von derartigen Situationen in der Familie eine enorme Belastung für Kinder jeglichen Alters dar. Oft sind solche Gewaltausbrüche nur die Spitze des viel zitierten Eisbergs, denn in der Regel gehen einer Eskalation lang dauernde Phasen der Anspannung und der Verunsicherung voran.“ Diese Kinder leben nach den Erfahrungen des Familientherapeuten häufig in einer steten Angst und einem Dauerstress, der ihre gesamte Entwicklung bremst und nachhaltig behindert. „Sie sind nicht frei, zu spielen, sich mit Freunden zu treffen und angstfrei in die Welt hinaus zu gehen, sondern sie leben in einer steten Sorge und einer chronischen Anspannung“, sagt Sannwald. Das habe mit unbeschwerter Kindheit gar nichts mehr zu tun. Und das ist nach Beobachtungen des Dietzenbachers auch der Grund, warum die Jugendämter bereits seit Jahren dazu übergegangen sind, Gewalt in der Familie als gewichtigen Anhaltspunkt für eine Gefährdung des Kindeswohls zu bewerten – unabhängig davon, ob an den Kindern selber körperliche Gewalt ausgeübt wurde.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Was Psychologen schon lange beschäftigt: Kinder gewalttätiger Eltern neigen später oft selbst zu Übergriffen bzw. häuslicher Gewalt – das bestätigen Statistiken von Kinderschutzeinrichtungen. Sannwald: „Denn Kinder lernen nun mal am Rollenvorbild, was in diesen Fällen tragischerweise dazu führt, dass die einen die Täter- und die anderen die Opferrolle erlernen und später einnehmen. Unsere Erfahrung aus der Anti-Gewalt-Beratung für Männer ist durchgängig, dass Männer, die ihre Partnerinnen schlagen, als Kind selber Opfer von Gewalt waren. Sie haben sich im Lauf ihrer Entwicklung sozusagen aus der Opferrolle in die Täterrolle „gerettet“ mit dem Effekt, dass sie als Ehemänner, Beziehungspartner und Väter neue Opfer produzieren.“

Der Ausweg aus der Sackgasse ist schwierig. So machen die Therapeuten und Sozialarbeiter in der Dietzenbacher Beratungsstelle oft die Erfahrung, dass es mit vielen Hürden verbunden ist, aus einer Täter- oder Opferrolle auszusteigen, wenn man diese im Lauf seiner kindlichen und persönlichen Entwicklung verinnerlicht hat.

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