Lösungssuche in Berlin

Koalition will nach Flüchtlingsstreit Handlungsfähigkeit zeigen

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Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel tagten bis in die Nacht um gemeinsame Lösungen für dringende Fragen zu finden.

Berlin - Im März hatten die Wähler den Koalitionsparteien in mehreren Ländern einen Warnschuss verpasst. Nun wollen CDU, CSU und SPD im Bund das Gezerre um wichtige Reformen beenden und so Vertrauen zurückgewinnen. Ob das klappt?

Die große Koalition will nach monatelangem Streit über die Flüchtlingspolitik mit Kompromissen bei wichtigen Reformthemen Handlungsfähigkeit zeigen. Es gebe gute Chancen, etwa bei den Themen Integration, innere Sicherheit oder Elektromobilität große Schritte weiterzukommen, sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer am Mittwoch vor einem Treffen der Koalitionsspitzen am Abend im Kanzleramt. Bis zum späten Abend (22.00 Uhr) gab es noch keine Informationen über Ergebnisse der Verhandlungen.

Offen war, ob es bei Streitthemen wie der Leiharbeit und dem Mindestlohn eine Einigung geben könnte. Als eher unwahrscheinlich galt ein Durchbruch bei den Auseinandersetzungen um die Reform der Erbschaftsteuer - hier dürfte es kein Einlenken der CSU geben.

Alle Seiten fordern Kompromissbereitschaft

Vertreter von Union und SPD forderten sich vor dem Koalitionstreffen gegenseitig zu Kompromissbereitschaft auf. Die SPD pochte auf Fortschritte beim Streit um Leiharbeit und Werkverträge, die CSU verlangte von den Sozialdemokraten Bewegung bei Erbschaftsteuer und Mindestlohn. Neuer Streit bahnte sich um die Reform der Ökostrom-Förderung und dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien an.

An der Sitzung im Kanzleramt nahmen von 19.00 Uhr an neben den Parteichefs Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) die Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (CDU), Thomas Oppermann (SPD) und die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt teil. Die Unionsseite hatte sich schon um 18.00 Uhr zum Vorgespräch bei Merkel getroffen. Mehrere Minister hielten sich bereit, um zu der Runde zu stoßen, darunter Finanzminister Wolfgang Schäuble, Innenminister Thomas de Maizière (beide CDU) sowie Arbeitsministerin Andrea Nahles und Justizminister Heiko Maas (beide SPD). Die Generalsekretäre sollten gegebenenfalls ebenfalls auf Zuruf hinzukommen.

Merkel hatte in der Unionsfraktion am Vorabend nach Teilnehmerangaben bei der Umsetzung der in der Koalition vereinbarten Gesetzesvorhaben aufs Tempo gedrückt. Bis zum Sommer solle das Kabinett alle Projekte auf den Weg bringen, die noch für diese Legislaturperiode bis zum Herbst 2017 geplant seien. Laut Scheuer müssen in der Koalition noch etwa 50 anstehende Projekte besprochen werden.

CSU fordert „Realismus und Vernunft“

Die CSU forderte von der SPD „Realismus und Vernunft“ im Streit über Mindestlohn und Erbschaftsteuer. Es gehe darum, Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten, sagte Scheuer. Die Koalition müsse mit guter Arbeit und Lösungen das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen, forderte er angesichts der Erfolge der rechtspopulistischen AfD. Die Koalitionspartner müssten „den Warnschuss, den wir bekommen haben, alle miteinander aufnehmen“.

Es gebe gute Chancen, beim Integrationsgesetz, den Regelungen zur inneren Sicherheit sowie bei der staatlichen Förderung von Elektro-Autos große Schritte weiterzukommen, sagte Scheuer. In der Diskussion über eine neue Rentenreform habe die CSU „kein Interesse an einem Überbietungswettbewerb“ oder Wahlkampf zu dem Thema. Vor der Bundestagswahl 2017 gebe es noch genügend Zeit, um gemeinsam mit der SPD eine Lösung vorzulegen.

Die SPD-Arbeitsmarktexpertin Katja Mast sagte der Deutschen Presse-Agentur in Berlin: „Ich erwarte, dass die Blockierer in der Union ihren Widerstand gegen die Regulierung von Werkverträgen und Leiharbeit endlich aufgeben.“ Seit Wochen liege ein kabinettsreifer Gesetzentwurf vor. Der Entwurf müsse endlich in die Ressortabstimmung und dann auch umgesetzt werden. Der Entwurf von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) war am Widerstand der CSU zunächst nicht weiterbehandelt worden. Mit dem Vorhaben sollen Arbeitnehmer besser vor unlauteren Praktiken mancher Unternehmen geschützt werden.

Bei der Ökostromförderung und dem Ausbau Erneuerbarer Energien steuert Schwarz-Rot auf neuen Streit zu. Unions-Fraktionschef Kauder pocht in einem Brief an seinen SPD-Amtskollegen Oppermann auf Korrekturen und eine Begrenzung vor allem der Windenergie, um „starke Kostensteigerungen“ zu verhindern. Der entsprechende Entwurf von Gabriel zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) solle noch vor der Kabinettsbefassung überarbeitet werden. Der Beschluss des schwarz-roten Kabinetts verzögert sich bereits seit Wochen.

dpa

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