Beim FDP-Parteitag   umwirbt Westerwelle   die Mittelschicht.   Mit wem er regieren   will, lässt er offen.

Guidos Krönungsmesse

Er kann es kaum fassen: Mit 95,84 Prozent der Stimmen wurde Guido Westerwelle als FDP-Vorsitzender bestätigt (rechts NRW-Landeschef Andreas Pinkwart).Foto: dpa

Hannover Einen gewissen Größenwahn wollen selbst altgediente Liberale ihrer Parteiführung nicht absprechen. Für den traditionellen Vorabend-Empfang hat sich die FDP im Zoo von Hannover eingemietet - in einer indischen Palastanlage lässt Westerwelle die Elefanten tanzen.

Der Parteikongress findet in einer monströsen Messehalle statt, die selbst 1000 Delegierte und Journalisten nicht füllen können.

Größer, schneller, weiter: Die FDP befindet sich im Höhenflug. Seit den Wahlen in Hessen und Bayern sind die Liberalen in allen wichtigen Ländern vertreten. Vier Monate vor der Bundestagswahl pendelt die Partei in den Umfragen zwischen 13 und 18 Prozent. Seit dem Machtverlust 1998 waren die Chancen nie besser, wieder an die Macht zu kommen - die Frage ist nur: mit wem?

Guido Westerwelle sagt kein Wort dazu. 102 Minuten spricht er auf dem Parteitag - über den Spitzensteuersatz, über Atomkraft und Abrüstung. Mit welchem Partner die Liberalen im Falle eines Wahlsiegs ihr Programm umsetzen wollen, lässt er offen. Die FDP werde jedenfalls nur in eine Regierung einsteigen, wenn sie ihre Forderungen durchsetzen könne, betont der Vorsitzende: „Macht um jeden Preis, das war nie unser Ziel. Kein Ministerposten kann so schön sein, dass wir unsere Wähler verraten.“

In den vergangenen Wochen hatte Westerwelle mal die SPD, mal die Union attackiert. Vor seinen Parteifreunden in Hannover will er die harsche Kritik nicht wiederholen. Lediglich SPD-Vize Peer Steinbrück muss sich anhören, er sei „ein gescheiterter Finanzminister“, der sich „intellektuell nicht im Griff hat“. Statt sich weiter auf CDU/CSU oder SPD einzuschießen, zielt Westerwelle allgemein auf die große Koalition. „Deutsche befreit euch von dieser Regierung - sie ist schlecht für dieses Land“, ruft er in die Messehalle. 2009 sei ein „Schicksalsjahr“. Bei der Wahl im Herbst drohe die Gefahr, dass „die Achse dieser Republik weiter nach links verschoben wird“. Seine Rede richtet sich an die „normale Mittelschicht“, an jene, „die das Land tragen“ und seit Jahren unter „staatlicher Piraterie“ leiden. Der Wahlkampf der Liberalen ist auf die Forderung nach raschen Steuersenkungen zugeschnitten. „Die Energie, die die Regierung zum Austrocknen ausländischer Oasen aufwendet, sollte sie besser in die Bewässerung der deutschen Steuerwüste stecken“, sagt Westerwelle. Der schwarz-roten Regierung wirft er eine „Dax-Hörigkeit“ vor, sie rette angeschlagene Großkonzerne mit Steuerschecks und lasse Mittelständler und Familien im Regen stehen. Von der großen Koalition werde am Ende nicht mehr übrig bleiben als ein gewaltiger Schuldenberg und die Abwrackprämie, „das Denkmal einer gescheiterten Politik“, spottet Westerwelle. „Es ist schon erstaunlich: Es gibt 2500 Euro für ein altes Auto, aber nur 100 Euro einmalig für ein kleines Kind.“

Mit einem Spitzenergebnis von 95,84 Prozent wird Westerwelle als Vorsitzender im Amt bestätigt. Applaus, Jubel, stehende Ovationen - der Parteitag gerät zur Krönungsmesse. Die FDP schart sich um ihren Spitzenmann, der im Herbst nach Höherem strebt. Doch auch was seine persönlichen Ambitionen betrifft, sendet Westerwelle unterschiedliche Signale. Vizekanzler will er werden, auf jeden Fall. Wechselweise liebäugelt er mit dem Amt des Außenministers und einem Superministerium für Wirtschaft und Finanzen. Hessens FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn: „Ich traue ihm beides zu.“

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