„Gutmensch“

Kommentar zum Unwort des Jahres

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Die Wahl des Unworts wirft den Scheinwerfer auf das zurzeit alles beherrschende Thema Flüchtlinge. Von Jörg S. Carl

Ja, alle – In- wie Ausländer – die sich in der Flüchtlingsfrage engagieren, die Schutzsuchenden helfen, die durch Kriege und Terror Entwurzelte bei der Ankunft in Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie unterstützen, sind in dieser konkreten Situation gute Menschen. Sie handeln und verstehen sich als solche, ohne darüber bewusst nachzudenken, ohne darüber groß zu sprechen. Das Wort des Jahres als Pendant zum Unwort könnte also „Ehrenamtliche“ oder „Freiwillige“ lauten, denn ohne sie wäre das Credo „Wir schaffen das“ längst in sich zusammengefallen. Politik und Staat allein wären ohne das Engagement der Zivilgesellschaft auf verlorenem Posten. Der Staat weiß das, und die Politik läuft Gefahr, die guten Bürger bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit auszunutzen.

Die allermeisten von ihnen machen dennoch weiter, weil sie vom Impuls der Nächstenliebe geleitet sind, vom Wunsch, etwas für Hilfsbedürftige zu tun, sie leben Mitmenschlichkeit im Wortsinne. Wer sie also als „Gutmenschen“ verächtlich macht, damit als naiv oder dämlich hinstellt, disqualifiziert sich selbst. Er ist nicht klüger, nicht weitsichtiger, er ist bloß engstirniger und hartherziger. Meist ist es der sogenannte besorgte Bürger, der den wirklich sorgenvollen Kümmerer als Gutmenschen bezeichnet. Erster gibt damit klar zu verstehen, dass er an einer differenzierten Debatte über Chancen und Lasten kein Interesse hat. Er lehnt schlicht ab.

Die Jury legt mit der Wahl also den Finger in eine neue deutsche Wunde. Denn das Unwort ist zugleich ein Totschlag-Argument. Es verhindert das Aufeinanderzugehen und plakatiert den Riss, der die Bevölkerung in der Flüchtlingsfrage durchzieht. Die leise Hoffnung, dass sich „besorgte Bürger“ und „Gutmenschen“ dereinst wieder verständigen mögen, stirbt zuletzt.

Die Unwörter der vergangenen Jahre

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