„Querdenker“-Demo

Jana aus Kassel bei „Querdenkern“: Vergleich mit Nazi-Opfern „ist zentrales Element antisemitischer Einstellungen“

Hannover Querdenken Corona
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Teilnehmer einer Demonstration der Initiative „Querdenken“ gegen die Corona-Maßnahmen auf dem Opernplatz in Hannover.

Bei einer „Querdenken“-Demo in Hannover vergleicht sich eine Rednerin mit Sophie Scholl. Neben einem Shitstorm erhält sie auch Solidarität aus den eigenen Reihen.

  • Eine junge Frau vergleicht sich im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen mit Sophie Scholl.
  • Der Vergleich mit der Widerstandskämpferin schlägt hohe Wellen und wird heftig verurteilt.
  • Zuvor hatte sich ein Mädchen in Karlsruhe mit Anne Frank verglichen.

+++ 11.15 Uhr: Judenhass ist in der Corona-Pandemie nach Worten des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, in vielen Kreisen wieder gesellschaftsfähig geworden. Er verbinde nun politische Milieus, die früher wenig oder gar keine Berührungspunkte hatten, sagte er am Dienstag in Berlin.

Mit Blick auf die Proteste von Corona-Leugnern betonte Klein: „Das Spektrum reicht von Esoterikbegeisterten über Heilpraktiker und Friedensbewegte bis hin zu Reichsbürgern und offen Rechtsextremen, die diese Demonstrationen als Mobilisierungsforum nutzen.“

Scharf kritisierte er jüngste Äußerungen von Corona-Leugnerinnen wie #Jana aus Kassel, die sich mit Nazi-Opfern verglichen haben. „Das Selbstbild als verfolgtes Opfer ist und war immer ein zentrales Element antisemitischer Einstellungen.“

Nach Sophie-Scholl-Vergleich: Schweigemarsch für Jana aus Kassel geplant

Update vom 24.11.2020, 09.30 Uhr: Der Auftritt der 22-jährigen Jana aus Kassel auf einer sogenannten „Querdenker“-Demonstration in Hannover zieht noch weitere Kreise. Die Anti-Corona-Demo-Szene ruft aktuell zu einem „Schweigemarsch für Jana“ auf. In Hannover wollen die „Querdenker“ ihre Solidarität mit der Frau bekunden, der seit ihrem Vergleich mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl ein Shitstorm in den sozialen Medien entgegen schlägt. Es wird gebeten, Kerzen mitzubringen.

Querdenker-Rednerin aus Kassel fühlt sich „wie Sophie Scholl“ - und ist international berühmt

Update vom 23.11.2020, 09.20 Uhr: Eine Rednerin auf der „Querdenker“-Demonstration in Hannover hat es in die internationalen Medien geschafft. Die 22-jährige Jana aus Kassel, die regelmäßig gegen Corona-Maßnahmen protestiert, hatte sich mit der von den Nazis ermordeten Widerstandskämpferin Sophie Scholl verglichen.

Darüber twittert jetzt auch der „Guardian“ und schreibt von einer „deutschen Anti-Masken-Demonstrantin“, die sich in ihrer Rede mit Sophie Scholl verglichen habe. Nach der Kritik eines Wachmanns - „such bullshit“ - habe die Frau das Mikro wütend auf die Bühne geworfen.

Auch der „New York Times“ ist „Jana aus Kassel“ einen Beitrag wert. Im Artikel heißt es, ihre Rede sei das „jüngste Beispiel“ von Anti-Corona-Demonstranten und Verschwörungstheoretikern, die ihren Protest mit der Unterdrückung und Ermordung der Juden durch die Nazis gleichsetzten. Erwähnung findet auch eine 11-Jährige, die sich kürzlich mit Anne Frank verglich, weil sie ihren Geburtstag aus Angst vor den Nachbarn angeblich hatte geheimhalten müssen.

„Querdenker“-Rednerin: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl“

Erstmeldung: Hannover/Karlsruhe - Für Freiheit und Gerechtigkeit einstehen, sich gegen das Regime stellen, Flugschriften verteilen und Widerstand organisieren - dafür steht noch heute der Name Sophie Scholl. Die Studentin hat sich in der NS-Zeit zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ engagiert. Sie wurde unter anderem für Vorbereitung des Hochverrats zum Tod verurteilt und von Nationalsozialisten enthauptet.

Kaum etwas in der Gegenwart in Deutschland wiegt so schwer, dass es genug für einen Vergleich mit jener Zeit und jenem herausragenden Engagement wäre. Doch das sieht eine junge Frau aus Kassel offenbar anders. Bei einer Kundgebung von Kritikern der Corona-Politik in Hannover stellte sich „Jana aus Kassel*“, 22 Jahre alt - genau wie Sophie Scholl, wie die junge Frau betont - auf die Bühne und präsentierte ihren persönlichen Vergleich mit der Widerstandskämpferin:

„Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Sie wolle niemals aufgeben, sich für „Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit“ einzusetzen - Jubel aus dem Publikum.

„Querdenkerin“ vergleicht sich in Hannover mit Sophie Scholl

Ihr Auftritt ist allerdings schneller vorbei, als sie es sich vermutlich gewünscht hatte. Unterbrochen wird er von einem jungen Mann, der vor die Bühne tritt und Jana aus Kassel eine zerknüllte, orangefarbene Ordner-Weste in die Hand drücken will. „Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr“, protestiert er. Es handele sich um eine „Verharmlosung vom Holocaust“, die „mehr als peinlich“ sei.

„Lass sie doch in Ruhe reden!“, schreit eine Frau im Publikum. Die Rednerin fragt den jungen Mann mehrfach: „Was für ein Schwachsinn?“ Er zeigt ihr den Vogel und wird von der Polizei von der Bühne weg begleitet. Daraufhin dreht sich die Rednerin um, beginnt sie zu schluchzen, wirft ihr Mikrofon auf den Boden und stürmt von der Bühne. In einem später geposteten Ausschnitt ist die Frau erneut zu sehen. Sie gibt sich „schockiert, dass ich von einem Passanten, oder was auch immer, beleidigt wurde“.

„Querdenkerin“ - Nach Vergleich mit Sophie Scholl: Kritik in sozialen Netzwerken

Zahlreiche Twitter-Nutzer markierten das Video mit „Gefällt mir“, während des Auftritts der Frau ist vereinzelt Applaus zu hören. Doch in den Kommentarspalten finden sich auch Empörung und Ablehnung: Die Parallelen zu Sophie Scholl seien verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zur NS-Zeit sei beschämend. Der junge Mann bekommt dagegen mehrfach Zuspruch. Ein Nutzer etwa schrieb: „Respekt für den Ex-Ordner, der die Verhöhnung der realen Holocaust-Opfer erkannte und sich dagegen stellte.“

Der Vergleich mit Sophie Scholl ist nicht das einzige NS-Widerstands-Narrativ, dessen sich Gegner der Corona-Politik dieser Tage bedienen. Erst kürzlich stand bei einer ähnlichen Veranstaltung eine Elfjährige als Rednerin auf der Bühne, die sich selbst mit Anne Frank verglich - weil sie ihren Geburtstag unter Corona-Bedingungen feiern musste. „Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst vielleicht von unseren Nachbarn verpetzt worden wären.

Auch Vergleich mit Anne Frank bei „Querdenker“-Veranstaltung in Hannover

Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden“, sagte das Mädchen in ihrer Rede. Die Parallele, die die Elfjährige zieht, ist jedoch außerhalb jeglicher Verhältnismäßigkeit: Denn Anne Frank und ihre Familie versteckten sich, um dem Tod durch Nationalsozialisten und nicht etwa einer Geldstrafe wegen einer unerlaubten Feier zu entgehen.

Heiko Maas verurteilt Vergleich mit Sophie Scholl bei „Querdenker-Kundgebung“ gegen Corona-Politik in

Die Empörung war groß: Die Polizei bezeichnete den Vergleich bei Twitter als „völlig unangebracht und geschmacklos“ und gab die Dokumentation des Falls der Staatsanwaltschaft zur Prüfung. Diese muss laut einem Polizeisprecher klären, ob ein Straftatbestand wie die Leugnung des Holocausts vorliegt. Die Stadt Pforzheim, in der das Mädchen lebt, kündigte an, das Jugendamt werde das Gespräch mit den Eltern der Schülerin suchen.

Auch der Auftritt der jungen Frau aus Kassel am Samstag in Hannover (21.11.2020) sorgt für Entsetzen. Unter dem Hashtag #Janaauskassel machen Twitter-Nutzer:innen ihrem Ärger Luft. So auch die Bundestagsabgeordnete Katja Mast (SPD), die derartige Vergleiche als „unerträglich“ bezeichnete und darauf hinwies, dass „die einen“ sich heute frei auf Versammlungen äußern dürften, während „die anderen unter Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen den Terrorstaat leisteten u. die Deportation & Ermordung fürchteten.“ Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die Vergleiche:

Nicht nur Einzelpersonen wagen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie Vergleiche zum Nationalsozialismus. So demonstrierten etwa nach der Verabschiedung des Infektionsschutzgesetzes am Mittwoch (18.11.2020) im Berliner Regierungsviertel Tausende Kritiker der Anti-Corona-Maßnahmen, während Redner von einer „Corona-Diktatur“ sprachen. Erneut hatten Demonstranten an Kleidung oder Rucksäcken Judensterne angebracht. Das Infektionsschutzgesetz wurde als „Ermächtigungsgesetz“ bezeichnet, das 1933 praktisch die Grundlage zur Aufhebung der Gewaltenteilung war. Von allen Parteien mit Ausnahme der AfD wurden diese Vergleiche mit Empörung zurückgewiesen, ebenso von der Bundesregierung.

Experten warnen vor Vergleichen mit dem Nationalsozialismus während Corona

Expert:innen warnen vor Vergleichen mit dem Nationalsozialismus im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Sie verhöhnten die Opfer des Holocaust, sagte etwa der Historiker Uwe Danker dem „NDR“. Außerdem wollten Kritiker der Corona-Politik mit solchen Vergleichen nur provozieren. Danker sagte außerdem, man solle dem nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, sondern öfter über die eigentlichen Opfer der Corona-Krise reden. (Ines Alberti mit dpa und epd) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktonsnetzwerkes.

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