Schlüsselfigur der Weltpolitik

Kommentar: Helmut Kohl gestorben

+
Helmut Kohl erweist Kirch die letzte Ehre

Fünf Jahre ist es her, da hat Helmut Kohl letztmals öffentlich einen Zipfel des Mantel der Geschichte erwischt. Damals hatte sich seine wegen der Parteispendenaffäre lange auf Distanz gegangene Partei hinter ihrem langjährigen Vorsitzenden versammelt. Von Frank Pröse

Im September 2012, zum 30. Jahrestag der Regierungsübernahme 1982, besuchte unbestritten ein Großer der deutschen Politik jene Fraktion, mit der er einst Historisches stemmte, die er aber auch mit Schimpf und Schande belegt verlassen musste. Zum Jahrestag sah die Union offensichtlich einen Anlass, den Ideengeber der nie vollzogenen, weil programmatisch dürftigen, eher miefigen „geistig-moralischen Wende“, den „Architekten der deutschen Einheit“ und glücklosen „Geburtshelfer des Euro“ aus Respekt vor seiner Lebensleistung wieder in ihrer Mitte aufzunehmen.

Hintergrund: Große Trauer um Helmut Kohl

Es gibt wohl kaum einen anderen Politiker, dessen Wahrnehmungsmuster so drastisch schwankte, wie das des Helmut Kohl. Der Oggersheimer schaffte es auf Augenhöhe zu Gorbatschow ud Jelzin, Reagan und Bush, Mitterrand und Chirac, Thatcher und anderen damaligen Politgrößen zur weltpolitischen Schlüsselfigur, um danach umso tiefer zu stürzen. Der eiskalte Schnitt zu diesem Mann wurde von „seinem Mädchen“ vollzogen: Angela Merkel. Doch sukzessive wurde das Bild der historischen Leistung aus dem Archiv geholt und eifrig poliert. Gezeichnet wurde es von Memoiren, Biografien und Zeitzeugen. Von Letzteren waren oftmals keine wohlwollenden Erinnerungen zu erwarten. Zu viele hat Helmut Kohl verletzt, ob dienstbare Geister aus seinem direkten Umfeld, oder Alpha-Tiere aus seinem Netzwerk wie Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Norbert Blüm, Richard von Weizsäcker, Rita Süssmuth, Lothar Späth, Wolfgang Schäuble…

Kanzler der Einheit: Helmut Kohl ist tot

Sie alle haben ein anderes Geschichtsbild von Helmut Kohl, als es die Partei seiner ähnlich rigoros auftretenden Widersacherin vor fünf Jahren wahrhaben wollte. Doch Merkel hatte erkannt, dass ihr der „Ehrenbürger Europas“ in den schwierigen Zeiten der Eurokrise nützen kann, indem er ihr die konservativen Wähler einfangen kann. Das Kalkül ist bei der folgenden Wahl denn auch aufgegangen. Helmut Kohl war also ungeachtet seiner Affäre für Partei, für Deutschland und für Europa gut. Über wen wird man das noch schreiben können?

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare