Patienten sollten nicht mit „Individuellen Gesundheitsleistungen“ bedrängt werden

Offenbach - Mittlerweile gibt es wohl kaum einen Patienten, der von seinem Arzt noch nicht auf „Individuelle Gesundheitsleistungen“ angesprochen wurde, abgekürzt „Igel“. Von Peter Schulte-Holtey

Dabei handelt es sich um medizinische Leistungen, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. Dazu gehören zum Beispiel manche Früherkennungsuntersuchungen und einige kosmetische Operationen; Patienten müssen für diese Leistungen grundsätzlich selbst zahlen. Viele wissen zunächst nicht, wie sie auf solche Angebote reagieren sollen. Geht es nur um überflüssige Dienstleistungen oder ist es eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Behandlung? Diese Frage muss oft in kurzer Zeit beantwortet werden. Die Skepsis bei der Verbraucherzentrale-Hessen ist unüberhörbar. „In einigen Arztpraxen werden die Patienten schon im Wartezimmer mit den Angeboten konfrontiert“, heißt es. Gemäß der Musterberufsordnung der Ärzte sei es Medizinern allerdings untersagt, „diagnostische oder therapeutische Methoden unter missbräuchlicher Ausnutzung des Vertrauens, der Leichtgläubigkeit oder der Hilflosigkeit von Patienten anzuwenden“.

Ärzte bewegen sich auf einem schmalen Grat

Manche Ärzte würden sich bei ihren Angeboten auf einem schmalen Grat bewegen. Die Verbraucherschützer: „Welche dieser ,Igel’ im Einzelfall sinnvoll sind und welche nicht, ist für Patienten oft sehr schwer zu beurteilen. Patienten sollten sich nicht bedrängen lassen, sich Zeit nehmen bei der Entscheidung für oder gegen eine angebotene Leistung und auf einer ausführlichen Aufklärung, auch über Risiken und Folgen einer Untersuchung bzw. Behandlung bestehen. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung eines anderen Arztes oder Informationen und unabhängige Beratung Dritter einzuholen. Der Rat an Versicherte: „Ein seriöser Arzt übt gerade, wenn es um ,Igel’ geht, keinen Druck aus, berät ausreichend, schließt einen schriftlichen Vertrag mit dem Patienten, erstellt einen Kostenvoranschlag und nach Erbringung der Leistung eine korrekte Rechnung.“

Darauf sollten Patienten bei „Igel“ achten

Wenn der Arzt „Igel“ vorschlägt, sollte der Patient nach Angaben der Verbraucherschützer auf folgende Punkte achten: „Lassen Sie sich erklären, warum das Extra-Angebot für Ihr spezielles gesundheitliches Problem notwendig ist, ob der Nutzen der Methode wissenschaftlich nachgewiesen ist, warum die ,Igel’ keine Kassenleistung ist, unter welchen Voraussetzungen sie Kassenleistung wäre, welche Untersuchungs- oder Behandlungsmethode alternativ dazu eine Kassenleistung wäre, welche Risiken die Methode beinhaltet, welche weiteren Untersuchungen oder Behandlungen folgen könnten. Über ,Igel’ darf nur der Arzt beraten, denn nur er kennt die gesundheitliche Situation des Patienten und die medizinische Indikation. Die Beratung muss ausführlich und verständlich sein.“

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Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) gab jetzt zum „Igel“-Angebot zu bedenken: „Anders als die detailliert festgelegten Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung können sie weitestgehend ohne Kontrolle angeboten und durchgeführt werden. Was fehlt sind Routinedaten, die die Angebote quantitativ und qualitativ erfassen und bewerten.“ Die häufigsten „Igel“-Angebote untersuchten die Autoren einer DIMDI-Untersuchung genauer. Dabei konnten sie zum Beispiel nach eigenen Angaben keine sogenannten „randomisierten“ kontrollierten Studien finden, die einen Nutzen des Glaukom-Screenings für Patienten nachweisen. „Randomisiert“ heißt, jeder Testperson wird nach einem Zufallsprinzip entweder das zu untersuchende Medikament oder ein Placebo verabreicht.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Rainer Sturm

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