Kommentar: Kein Weg zurück

Es ist ein Armutszeugnis für die deutsche Medienlandschaft. Die Menschen in der arabischen Welt schreiben in diesen Tagen Geschichte. Sie erschüttern in einer in vielerlei Hinsicht Grenzen übergreifenden Revolution die Machtstrukturen ihrer despotischen Herrscher, und die Welt ist live dabei: Von Fabian El Cheikh

France 24, BBC, Al Dschasira - sie alle berichten ausführlich von den Aufständen und Demonstrationen in Tunesien, Ägypten, Jordanien und Jemen. Worüber aber berichten die deutschen „Nachrichtensender“, als sich die Ereignisse in Kairo am vergangenen Freitagabend geradezu überschlagen? N-TV lässt sich in einer visionären Dokumentation erschöpfend über den „Bergbau auf dem Mond“ aus, während Dieter Kronzucker auf N24 mit staatsmännisch-ernster Miene einen Beitrag über Schrimps aus Costa Rica anmoderiert.

Keine Frage: Der informative Gehalt einer Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung mit einem meist wackeligen Live-Standbild vom zentralen Tahrir-Platz in Kairo ist überschaubar. Und doch unverzichtbar. Für die Ägypter waren die Satellitenübertragungen der ausländischen Fernsehsender am Wochenende die einzige Informationsquelle, nachdem die Regierung das Handynetz lahmgelegt und die Datenverbindungen vollständig gekappt hatte.

Machtgieriger und selbstgerechter Autokrat

Ein ganzes Land verschwand aus dem Internet. Eine Provokation, die selbst das iranische Regime in all den Protesten seit 2009 bislang gemieden hat. Die Reaktionen Husni Mubaraks auf die in diesem Ausmaß nie dagewesenen Ereignisse in seinem Land sind ein Akt der Verzweiflung. Und sie zeugen vom baldigen Ende des Mubarak-Systems. Im Herbst sollte sein im Volk völlig unbeliebter Sohn Gamal die Nachfolge des gesundheitlich angeschlagenen Vaters antreten. Gestern soll er sich in einem Privatflieger nach London abgesetzt haben.

Für die Ägypter gibt es jetzt keinen Weg mehr zurück. Sie sind wild entschlossen, sich von ihrem machtgierigen und selbstgerechten Autokraten zu befreien, der im schlimmsten Fall nur auf eigene Bereicherung aus ist, im besten Fall befürchtet, ohne ihn breche im das Land, ja in der gesamten Region, das Chaos aus.

Tatsächlich stehen Ägypten äußerst unruhige Zeiten bevor. Es reicht nicht, nur den Präsidenten zu stürzen. Es gilt, die in 30 Jahren scheinbar unumstößlichen Strukturen eines korrupten Machtapparates zu überwinden. Viele sehr unterschiedliche Akteure werden plötzlich auf den Plan treten und auch die gefürchteten Muslimbrüder werden ihren Anteil an der Macht verlangen.

Und dennoch gibt es Grund zur Freude, denn nach dem erfolgreichen Aufstand in Tunesien hat die Opposition in der gesamten arabischen Welt schlagartig die Angst davor verloren, für Demokratie auf die Straßen zu gehen. Das sollte auch Deutschland interessieren. Doch worüber informiert N-TV seine Zuschauer am Samstagmittag, nachdem Panzer in den Straßen Kairos aufgefahren sind? Über die Originalität der Sachertorte. Was wir schon immer wissen mussten…

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