Grund zum Feiern

Kommentar zu 25 Jahre Mauerfall

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Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Vor 25 Jahren, mit dem Fall der Mauer, war das Ende der DDR besiegelt. Deutschland war schon bald wieder eins. Zunächst nur auf dem Papier, aber nach und nach eben auch in der Realität. Von Frank Pröse

Zum Jubeltag gehört wie jedes Jahr das Ritual einer Bilanz. Vorweg: Heute erinnert wenig an die glorreichen sozialistischen Zeiten, die mit dem einer Staatspleite zuvorkommenden Mauerfall ihr unrühmliches Ende fanden. Die ökonomischen Lebensverhältnisse im europäischen Kraftzentrum sind auch wegen der verheerenden Ausgangslage 1989 lange nicht angeglichen. Umweltstandards, soziale Absicherung und die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen sind wohl in etwa auf einem Niveau. Aber es halten sich hartnäckig Unterschiede bei Wirtschaftsleistung, Einkommen, auf dem Arbeitsmarkt, bei Firmensitzen von Großunternehmen. Unkenrufen zum Trotz ist Ostdeutschland nicht verelendet und Westdeutschland nicht pleite. Einst typische Infrastruktur-Probleme des Ostens gibt es auch im Westen, blühende Landstriche sind auch in Thüringen oder Sachsen zu finden. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite der früheren Grenze ist Deutschland eben homogen.

Auch diese Bilanz kennt also Licht und Schatten. Und zu ihr gehört die Feststellung, dass der Osten bei seiner Aufholjagd an Tempo verloren hat. Auf den letzten Metern des Marathonlaufs fallen die Schritte eben schwerer. Alles in allem sollte die Vereinigung nach einem Vierteljahrhundert aber dennoch unter positiven Vorzeichen stehen, angesichts der grundlegenden Unterschiede zweier Systeme, die sich schließlich mehr als 40 Jahre auseinanderentwickeln konnten und die sich ausgerechnet in Zeiten eines verschärften globalen Wettbewerbs finden mussten. Außerdem: Gemessen an der kaufkraftbereinigten Wirtschaftsleistung pro Kopf gehört Ostdeutschland inzwischen zum Mittelstand in Europa, hat ehemalige Bruderländer wie Tschechien oder Polen weit abgehängt. Und: Es geht nicht nur um Wertschöpfung, es geht um Werte, um Demokratie und Freiheit, um Versöhnung statt Spaltung.

Lichtinstallation zum Mauerfall begeistert Berlin

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Oft hilft eben der Blick über den Tellerrand. Anders als in den meisten Jahren zuvor, trübt dieses Mal eine Vielzahl von Krisen Rück- wie Ausblick auf deutsche Befindlichkeiten. Der Eiserne Vorhang, der einst in Ungarn erste Löcher bekam, scheint wieder enger geknüpft zu werden. Im wirtschaftlich gebeutelten Europa schaukeln sich unterdessen alte Gegensätze zwischen Süd und Nord sowie West und Ost wieder auf. Hieß es nach dem Fall der Mauer von Friedenshoffnungen beseelt, dass nichts mehr so sein werde, wie es einmal war, so stellen wir heute fest: Selten gab es mehr Kriege, Konflikte, Terror und Flüchtlinge. Die Welt gerät regelrecht aus den Fugen, und niemand auf diesem Planeten scheint diese Entwicklung aufhalten zu können.

25 Jahre Mauerfall: Biermann attackiert Linke im Bundestag

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Die Feiern in Berlin, mit dem Höhepunkt einer Lichtinstallation entlang des ehemaligen Mauerverlaufs, werden die ganz großen Gefühle nach 25 Jahren nicht mehr wecken können. Die Deutschen haben inzwischen emotional abgerüstet, egal auf welcher Seite sie aufgewachsen sind oder heute leben. Und die Jugend zuckt ohnehin nur mit den Schultern, kann gar nicht fassen, welches Brimborium um eine nachgewiesenermaßen großartige kulturelle und infrastrukturelle Aufbauleistung gemacht wird. Sie können ja auch nicht nachvollziehen, dass das neue Deutschland auf dem Weg von der gekauften zur gefühlten Einheit erwachsener geworden ist. Für jene, die das bewusst miterlebt haben, ist das ein Grund zum Feiern.

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