Was Egoisten wissen müssen

Kommentar: Die Asylbewerber und wir

Gegen die grassierende Angst vor einer „Vergreisung des deutschen Vaterlands“ und dem damit verbundenen „Zusammenbruch aller sozialen Sicherungssysteme“ gibt es eine gute Therapie: Man schaue sich die Asylbewerberzahlen an.

Über 11.000 Menschen kamen nach Hessen allein im ersten Halbjahr 2015. Tendenz steigend. Dass das zunächst eine große Belastung darstellt, ist klar. Wer aber die bedrückenden Bilder wachsender Zeltstädte und verzweifelt Wohnungen für die Flüchtlinge suchender Lokalpolitiker beiseite schiebt, sieht noch etwas: Die Tragödien der Flüchtlinge sind die dunkle Kehrseite dessen, was uns langfristig nutzen kann. Deutschland, so die Prognosen der des Gutmenschentums gänzlich unverdächtigen Bundesanstalt für Arbeit, benötigt pro Jahr rund 500.000 Neubürger, um die derzeitige Zahl an arbeitsfähigen Personen bei 45 Millionen zu halten. Liegt die Zahl der Zuwanderer niedriger, rinnt die Quelle unseres Wohlstands immer dünner. Derzeit liegt der Positiv-Saldo zwischen 400.000 und 500.000. Das ist gut. Forscher stellen bereits ihre Prognosen um. Die frühere These einer „dramatischen Bevölkerungsabnahme“ wird derzeit revidiert zugunsten der Feststellung, dass sich der Rückgang deutlich verlangsamt hat. Hauptgrund: Zuwanderung.

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Ende 2014 waren 338.000 Ausländer in Hessen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das ist ein Plus von 9,3 Prozent gegenüber 2013. Europa fällt als längerfristige Hauptquelle dieser neuen Arbeitnehmer allerdings aus, denn auch hier ringt man mit sinkenden Nachwuchsraten, und selbst aus Osteuropa wird der Zustrom im Zuge einer wirtschaftlichen Verbesserung der Lage abnehmen. Unterbringung, Verpflegung, Ausstattung, Integration. Ja, die Flüchtlinge werden uns noch viel Geld und Nerven kosten. Ernsthaft um ihre Integration und einen schnelleren Zugang dieser Gruppe zum Arbeitsmarkt bemühen sollten wir uns trotzdem. Hier ist insbesondere die Politik gefordert. Denn die großteils jungen und motivierten Zuzügler aus dem Irak, Eritrea, Afghanistan oder dem Iran wollen die Bevölkerungslücke schließen, die der demografische Wandel reißt. Auch der Egoist, oder der, der so gar nicht auf „Multi-Kulti“ steht, muss folgende Wahrheit akzeptieren: Mit etwas Anstrengung wird aus dem bedrückenden Strom der Flüchtlinge ein Stück Hoffnung – für beide Seiten.

Übervolle Asyl-Unterkünfte der Länder

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