Hohe Erwartungen

Kommentar zu Tsipras‘ Berlin-Besuch

Es ist kein Tag wie jeder andere in Berlin. Der Mann, der heute am späten Nachmittag ins Kanzleramt kommt, ist kein gewöhnlicher Gast. Von Angelika Dürbaum

Das zeigt schon der Zeitplan, vielmehr das Fehlen des selbigen: Denn für das Treffen von Angela Merkel mit dem neuen griechischen Premier Alexis Tsipras gibt es keine zeitliche Begrenzung. Bei den sonst so eng getakteten Terminkalendern von Staats- und Regierungschefs sagt das schon einiges.

In der Tat haben die beiden so manches zu besprechen. Das deutsch-griechische Verhältnis hat seit Tsipras´ Amtsantritt im Januar mehr als nur ein paar Kratzer erlitten. Nach der Kraftmeierei der ersten Wochen aus Drohungen, Beleidigungen und Forderungen dürften der Linkspolitiker und seine Koalitionäre von der extremen Linken und Rechten nun erkannt haben, dass ohne Merkels Zustimmung in Europa nichts geht. Ohne die Hilfe der Europäer aber kann sich Athen nicht aus dem Schuldensumpf ziehen. Zwar hat Tsipras den Europäern erst vor wenigen Tagen zugesagt, endlich eine Reformliste vorzulegen und wieder mit den Kontrolleuren der Institutionen (vormals Troika) zusammenzuarbeiten. Allerdings hat er im Februar schon mal genau das Gleiche versprochen - und nichts gehalten.

Sieger und Verlierer der Griechenland-Wahl

Sieger und Verlierer der Griechenland-Wahl

Doch nicht nur bei den europäischen Partnern, auch in seinem Land steht der smarte Tsipras mächtig unter Druck. Innenpolitisch hat der Syriza-Chef seit seinem umjubelten Wahlsieg trotz vieler Versprechen kaum etwas bewirkt. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Einnahmen des Staates schrumpfen, Wachstum ist nicht in Sicht. Und über allem schwebt das Damoklesschwert Staatspleite. Schon nach Ostern könnte Athen das Geld ausgehen.

Konkrete Lösungen - ob nun in der Schuldenkrise oder bei den Reparationen - wird das Gespräch heute sicher nicht bringen. Trotzdem sind die Erwartungen hoch, denn der Umgang von Merkel und Tsipras miteinander, die Frage, ob sie das politische Klima zwischen Athen, Brüssel und Berlin wenigstens ein bisschen entgiften können, wird die Agenda in Europa entscheidend mitbestimmen.

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