Bürger klagen über EU und Euro

Kommentar: Plädoyer für Europa

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Marc Kuhn

Die Einschätzung kommt nicht wirklich überraschend, erschreckend ist sie dennoch: Angesichts der Dauer-Eurokrise, milliardenschwerer Rettungspakete und wankender Staaten zeigen die Deutschen EU und Gemeinschaftswährung die kalte Schulter.

Die Mehrheit meint, ohne Europäischer Union würde es ihr besser gehen. Sehr viele weinen gar der D-Mark hinterher.

Eine erstaunliche Bestandsaufnahme. Würden Griechen, Spanier oder Iren in das Lamento einstimmen, wäre dies nachvollziehbar. Eine dahin siechende Wirtschaft, massive Sparmaßnahmen und eine teils hohe Arbeitslosigkeit drücken in den Krisenländern schließlich seit Jahren auf die Stimmung. Und Deutschland? Die Konjunktur kocht zwar zurzeit nur auf Sparflamme. Aber: Der Arbeitsmarkt gilt als vorbildlich in Europa. Die Steuern sprudeln. Mit dem niedrigen Zinsniveau entschuldet sich der Staat rascher. Die Sozialkassen sind voll. Nicht nur wegen dieser Bilanz wird die Bundesrepublik von den europäischen Nachbarn beneidet. Die Bürger klagen dennoch - auf hohem Niveau.

Schade, schließlich verdankt die Exportnation Deutschland ihren wirtschaftlichen Erfolg und den Wohlstand auch einer zusammenwachsenden EU. Der Euro hat die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gestärkt und in der Folge Jobs hierzulande sicherer gemacht. Und: Das historische Projekt EU hat dem Kontinent eine bisher noch nicht gekannte lange Friedensperiode beschert.

Auch wenn in der Vergangenheit vieles auf der politischen Bühne hätte besser gemacht werden müssen, EU und Euro verdienen mehr Rückhalt. Ohne sie würde es Deutschland sicherlich nicht besser, sondern schlechter gehen. Die Skepsis in der Bevölkerung sollte die Politik indes aufhorchen lassen. Sie muss die Menschen mehr begeistern für Europa. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der höchst komplexen Probleme. Deshalb müssen sich die europäischen Regierungen anstrengen. Schließlich sind schnelle Lösungen in der Dauer-Eurokrise nicht in Sicht.

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