Debatte um EM-Boykott

Kommentar: Protest gehört nach Kiew

Skandal, schreien Politiker und Sportfunktionäre, gerade so, als seien Verfehlungen gegen Rechtsstaatlichkeit und demokratische Gepflogenheiten in der Ukraine erst neueren Datums. Von Frank Pröse

Die immer um ihre Wiederwahl besorgte politische Kaste droht gar mit dem persönlichen Boykott der Fußball-EM, schließlich gibt es mit dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin heroische Vorbilder. In ihrem Furor sagen sogar die Mitglieder der österreichischen Regierung ihren Besuch ab - ein wirklich bahnbrechendes Zeichen der Solidarität mit der in Gefangenschaft offenbar misshandelten Julia Timoschenko angesichts des Umstands, dass Österreich gar nicht mit von der Partie ist. Überhaupt: Wer medienwirksam protestieren will, gehört zur EM nach Kiew. Niemand hört Politikern zu, die wegbleiben.

Da ticken die Sportfunktionäre schon realitätsnaher, auch wenn ihnen ein großes Eigeninteresse am Gelingen der EM zu unterstellen ist. Sport kann nicht Instrument der Politik sein, heißt es zur Absage an Überlegungen für einen Boykott der Meisterschaft. Auch diese Debatte ist scheinheilig, denn erstens hätte man die EM unter den Gesichtspunkten der Einhaltung von Menschenrechten und Demokratisierung gar nicht in die Ukraine vergeben dürfen. Schließlich herrschte auch nach der Revolution in Orange 2004 bei aller westlichen Ausrichtung eine autoritäre Führungsriege unter Regierungschefin Timoschenko und dem damaligen Präsidenten Viktor Juschtschenko. Und wer die Vergabe von solchen Großereignissen wie Europameisterschaften oder Olympischen Spielen an autoritäre Regierungen als Chance für einen Wandel im jeweiligen Land sieht, wurde spätestens in China eines Besseren belehrt.

Nein, die Debatte, in die sich jetzt auch noch Außenpolitiker wie Guido Westerwelle mit der Drohung von Verzögerungen beim EU-Beitritt der Ukraine einbringen, enthält zu oft aus der Hüfte geschossene Argumente und ist über die Maßen scheinheilig. Bisher haben die Vorgänge in der Ukraine keinen so richtig interessiert. Jetzt plötzlich wird ein Fass aufgemacht, weil ein Großereignis ansteht. Und was ist nach der EM? Dann rutscht die Ukraine wieder aus dem Menschenrechtsgewissen und Timoschenko leidet weiter in Gefangenschaft von Präsident Viktor Janukowitsch.

Bleibt die traurige Gewissheit, dass Politiker angesichts der Vergabepraxis bei Großveranstaltungen immer öfter außen vor bleiben. An der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking nahmen Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Horst Köhler ja auch schon nicht teil. Und dann gibt es ja noch die Eishockey-WM in Weißrussland, die Formel 1 in Bahrain und die Winterspiele im russischen Sotschi… Da heißt es höllisch aufpassen, damit man nicht zum Claqueur des jeweiligen Regimes wird.

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