Siechtum kostet Kraft

Kommentar zur Debatte über Sterbehilfe

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Frank Pröse

Zum Themenkomplex Sterbebegleitung und Sterbehilfe führt nicht nur ein Weg zur Wahrheit. Und es gibt sowohl berechtigte Zweifel, dass eine Neuregelung überhaupt vonnöten ist, wiewohl eine ebenso fundierte Portion Skepsis, ob es überhaupt gelingen könnte, diesen schwierigen Komplex in eine Gesetzesform zu gießen, mit der alle leben und vor allem in Ruhe sterben können. Von Frank Pröse

Schließlich geht es um die Würde des Menschen und das Recht auf Selbstbestimmung. Beides lässt sich – zumal im Umfeld des Todes - nur schwer in Paragraphen fassen. Beides nämlich fußt auf Freiheit(en), was sich prinzipiell so gar nicht mit staatlichen Einschränkungen verträgt. Gleichwohl ist die Gefahr eines Dammbruchs – den es zu verhindern gilt – so abwegig nicht, wenn ärztliche Hilfe beim Suizid erlaubt wird. Das belegen die Beispiel Niederlande und Belgien, wo inzwischen selbst Kinder und Sexualstraftäter getötet werden dürfen.

Zunächst einmal gilt es zu hinterfragen, warum der „vielleicht anspruchsvollste Gesetzgebungsprozess dieser Legislaturperiode“ (Bundestagspräsident Norbert Lammert) überhaupt initiiert wurde. Warum soll der ärztlich assistierte Suizid – der den Ärzten bisher durch ihr Standesrecht verboten ist – plötzlich die alltägliche Option werden? Ein Grund könnte sein, dass eine Mehrheit die Folgen des Fortschritts in der Medizin nicht mehr ertragen kann. Schließlich sorgt er dafür, dass länger gelebt wird und schwere Krankheiten länger überlebt werden. Das erfordert eine anspruchsvollere Fürsorge, die Kraft und Psyche über die Maßen beanspruchen kann. Das ängstigt. Und es erfordert eine das Leid lindernde Betreuung, was der Patient, der dem Ende entgegensieht, seinen Mitmenschen nicht zumuten will.

Gesellschaft will die Kontrolle über den Tod

Fürchten wir uns also nicht vorwiegend vor den menschenunwürdigen Umständen, denen wir über die Hilfestellung zum Tod ausweichen wollen? Das Siechtum macht uns also Umstände. Und die soll ein Gesetz uns vom Hals schaffen. Unsere Gesellschaft will die Kontrolle über den Tod, dabei liegt die Würde beim Sterben gerade in der Annahme des Schicksals. Das schreibt sich schon nicht leicht und im Ernstfall kann eine solche Position ins Wanken kommen. Schließlich kann man als Sterbenskranker selbst bei bester palliativ-medizinischer Versorgung zur Überzeugung gelangen, dass man das Bevorstehende nicht erleben will.

Zwei Beiträge aus dem Bundestag bringen den Zwiespalt noch einmal auf den Punkt: Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) drängt auf Erleichterung für Sterbende. Es sei mit der Menschenwürde nicht vereinbar, „wenn aus dem Schutz des Lebens ein Zwang zum Qualtod“ werde. Ein Arzt müsse beim friedlichen Einschlafen helfen dürfen. „Mich stört die Romantisierung der aktiven Sterbehilfe“, sagt die CSU-Abgeordnete Emmi Zeulner. „Ich möchte nicht im Sterben liegen und vermuten müssen, dass der Arzt andere Absichten verfolgt als der Erhalt meines Lebens.“ Wie soll ein Gesetz diesen Widerspruch je aufheben?

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