Deutschland nach der Wahl

Kommentar: Stunde null

Wenigstens am Tag danach wollte Philipp Rösler einmal der Erste sein: Der FDP-Wahlverlierer schmiss noch vor den Grünen-Chefs und seiner Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hin – und kam dennoch acht Monate zu spät.

Die letzte Chance für einen gesichtswahrenden Rückzug vom Parteivorsitz hatte sich ihm nach der Niedersachsen-Wahl geboten. Doch damals missdeutete Rösler den 9,9-%-Leihstimmenerfolg seiner in Wahrheit bereits ausgebrannten Partei als Lizenz zum Weiterwursteln – und die mutlosen Liberalen fügten sich geradewegs in die Katastrophe. Rösler hatte im Überschwang der Gauck-Wahl einst den Fehler begangen, auf die Kanzlerin gemünzt das Bild vom Frosch zu prägen, der im heißen Wasser abgekocht wird. Nun ist es umgekehrt gekommen.

Im bürgerlichen Lager schlägt mit Röslers Demission die Stunde null nach dem Wahl-Erdbeben vom Sonntag. Mit der Geburt der eurokritischen AfD wird, wie zuvor im linken Spektrum, auch im konservativen Lager die politische Landschaft neu vermessen. Ausgang: ungewiss. Wird die FDP als liberale Kraft überleben – oder tritt die knapp vor dem Parlamentseinzug gestoppte AfD ihr Erbe an? Können CDU und CSU verlorene Wähler zurückholen – oder müssen sie sich, wie zuvor die SPD mit der Linkspartei, auf Dauer mit einem neuen Rivalen in ihrem Revier abfinden?

Schon ruft die CSU die Große Koalition aus. Auch wenn sich die SPD noch eine Weile ziert: Schwarz-Rot wird am Ende kommen – und die Ränder stärken. So war es 2009, als nach vier Jahren Großer Koalition die drei kleinen Parteien Grüne, FDP und Linke auf zusammen 38 Prozent hochschossen (um nun wieder auf 22 Prozent abzusacken). Für FDP und AfD böte eine Elefantenhochzeit Profilierungschancen.

Unbequem wird es zwischen SPD und AfD dagegen für die Kanzlerin. Es gibt gemütlichere Plätze als die Mitte eines Sandwichs, um als Regierungschef das Land zu führen – gerade in Zeiten der Eurorettung, wenn viele Unionsabgeordnete insgeheim mit dem Kurs der AfD liebäugeln und die SPD nur auf einen Vorwand für den Ausstieg aus der Zwangsehe lauert. Denn das unterscheidet den mutmaßlich künftigen Unions-Partner SPD von der FDP: Gabriel will, was Rösler nie wollte – selbst Kanzler werden.

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