Der gemeinsame Kandidat Gauck

Kommentar: Mit Ecken und Kanten

Es bleibt dabei: Es ist ein Junge! Im parteipolitischen Farbenspiel ist die Zeit für eine Bundespräsidentin offensichtlich noch nicht gekommen. Von Frank Pröse

Eine Mehrheit der Deutschen setzt auf einen Mann und ist sich sicher, mit dem intellektuellen bürgerlichen Kandidaten Joachim Gauck einen potenziell würdigen Repräsentanten Deutschlands gefunden zu haben.

Es liest sich ja auch zunächst verheißungsvoll, was da zur Wahl steht: ein konservativer, evangelischer Pfarrer nämlich, der im inneren Widerstand gegen die stalinistischen Kader seinen Dienst an den Menschen in der DDR geleistet hat; ein Bürgerrechtler, der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen a. D., ähnlich präsidiabel wie einst Richard von Weizsäcker und der wie dieser nicht im ersten Anlauf ins Amt kam. Ist das vielleicht ein gutes Omen, zumal allgemein von Gauck erwartet wird, dass er nicht polarisiert, sondern zuvorderst Gemeinsamkeiten sucht?

Der Kandidat von Schwarz-Gelb-Rot-Grün, damit weniger potenzieller Bürgerpräsident denn die Wahl des „Establishments“, hat jene freilich schon vor den Kopf gestoßen, die ihn jetzt auserkoren haben. Denn Gauck hat sich abseits der politischen Ströme ein eigenes Urteil erlaubt, sei es bei Hatz IV oder der Energiewende, bei der Kritik der Finanzmärkte, beim Hype um Sarrazins krude Integrationstheorie. Diese Ansichten haben Ecken und Kanten und werden die Gesellschaft herausfordern. Doch genau das ist ja gewollt. Der Präsident soll unaufgeregt Denkanstöße geben, an denen man sich natürlich auch reiben kann. Er muss nicht Rücksicht nehmen auf Proporz, Parteiflügel und koalitionäre Verabredungen. Das ist sein Vorteil. Er wird freilich in seiner neuen Rolle hier und da seine Wortwahl überdenken müssen.

Gauck kann versöhnen, er muss es auch. Denn geistig-moralisch ist dieses Land ramponiert. Und weil der „Einheitsstifter und Mahner“ (Merkel) die Aufgaben der Zukunft mit „Freiheit, Verantwortung, Toleranz“ schon umrissen hat, so muss er diese Worthülsen nun mit Inhalt füllen. Denn diese Gesellschaft sucht in diesem Sinne Orientierung, vermisst die von Werten getragene Bürgerlichkeit, schätzt die Großzügigkeit im Denken und das respektvolle Handeln. Das sollte die Seele der nächsten Präsidentschaft sein. Wenn Gauck diese Wünsche bedienen kann, dann hat Deutschland diesen Jungen verdient.

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