Ein Architekt der Einheit

Kommentar zum Tod von Egon Bahr

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Mit Egon Bahr ist einer aus jener seltenen Kategorie von Politikern gestorben, der eine Epoche prägen konnte. Von Frank Pröse

Im Zusammenspiel mit Willy Brandt gestaltete Bahr die deutsche Ostpolitik, wobei es müßig ist, darüber zu spekulieren, wer von beiden die treibende Kraft dieser gemäßigten und auf Ausgleich fußenden strategischen Politvariante war. Festzuhalten ist: Scharfsinn und Klugheit prädestinierten Bahr dazu, den Visionen des Staatsmannes Brandt auf der Arbeitsebene Leben einzuhauchen. Dabei gerierte sich Bahr als unnahbar und technokratisch unterkühlt, was für so manches Missverständnis in einer Konfrontations-Ära mit Osteuropa sorgte, die damals aussichtsloser und gefährlicher anmutete als die aktuellen Spannungen mit Russland. Es war dann Bahrs Verdienst, den Glauben daran wach zu halten, dass auch angesichts einer äußerst schwierige Ausgangslage eine friedliche Lösung möglich ist. Eben aus dieser Lebensleistung nährt sich die Hoffnung auf ein letztlich gutes Ende der derzeitigen Krise. Angesichts der aktuellen Ratlosigkeit im Umgang mit Putins Russland sollte das nicht unerwähnt bleiben.

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Egon Bahr bezeichnete sich einmal als Willy Brandts Kammerdiener. Das war er nun bestimmt nicht. Einen Kammerdiener hätte Breschnew ja auch nicht zu einem Vier-Augen-Gespräch empfangen und ihn mit den Worten begrüßt: „Ich spreche mit Ihnen wie mit dem Kanzler.“ Schade, dass Putin ein solches Gespräch nicht gesucht hat. Zwar hätte auch Bahr die Annexion der Krim nicht verhindern, er hätte aber mit seinen Erfahrungen aus dem Kalten Krieg und der Einlassung auf russische Sichtweisen vielleicht eine Verständigung mit dem Westen einleiten können. Es ist der zentrale Begriff der europäischen Aufklärung: Verständigung. Und Egon Bahr hat die Voraussetzungen dafür mit definiert, indem er Bedingungen für eine Einigung auf Augenhöhe akzeptiert hat. Sein für damalige Verhältnisse kühnes Credo „Wandel durch Annäherung“ steht für die Akzeptanz des Status quo als erstem Schritt zu dessen Überwindung. In diesem Sinne wird ein Lebenswerk gewürdigt, das in Verträgen mit Moskau, Warschau und Ostberlin dokumentiert ist, das letztlich aber auch Grundlage für die Deutsche Einheit war. Der Dank gilt einem exzellenten Strategen, der einen neuen Politikstil kreiert hat, den die aktuell Regierenden allzu oft vermissen lassen.

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