Kommentar: Europa im Blick

Berühmte „Fremd-Schweizer“ wie Boris Becker oder Sebastian Vettel können aufatmen: Sie dürfen ihre Steuerprivilegien behalten, obwohl diese objektiv ungerecht sind und Teile des Landes in Klein-Monacos verwandelt haben. Von Lorenz von Stackelberg

Und die anderen Zuwanderer, die zum Arbeiten in die Alpenfestung drängen, werden auch künftig nicht vor verrammelten Türen stehen. Die Schweizer üben sich gegenüber ihren Ausländern in Gelassenheit.

Letztere schien den Eidgenossen noch vor wenigen Monaten abhandengekommen zu sein, als eine Welle der Überfremdungsangst durchs Land rollte. Ausgelöst nicht etwa durch Steuerflüchtlinge oder gar Armutsmigranten, sondern durch qualifizierte Arbeitskräfte, zum Großteil Deutsche. Das Ganze kulminierte in einer Initiative gegen „Masseneinwanderung“, die zur Ankündigung von Kontingenten führte und als Affront gegenüber der EU gelten durfte. Jetzt scheint so etwas wie Ernüchterung eingekehrt zu sein. Die Ergebnisse der Referenden vom Wochenende zeugen jedenfalls von rationalem statt emotionalem Abstimmungsverhalten. Denn eine weitere drastische Beschränkung der Zuwanderung auf rund 16 000 Personen jährlich, wie sie die „Ecopop“-Initiatoren anstrebten, hätte die Schweiz vor gewaltige Probleme gestellt. Der Industrie drohte nicht nur ein dramatischer Fachkräftemangel, das Land hätte vor allem klar gegen Verträge mit Brüssel über die Teilhabe am Binnenmarkt verstoßen – Ende offen. Dass all dies nicht geschieht, ist als Absage an Zündler und Europa-Kritiker zu werten. Und als Gütesiegel für das Schweizer Modell der direkten Demokratie.

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