Europa, im Schmerz vereint

Kommentar zum Flugzeugunglück

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Die europäische Familie hat viel gestritten in den letzten Monaten und Jahren. So viel, dass mancher schon vergessen hat, dass man eine Familie ist. Von Georg Anastasiadis

Gestern aber stand Europa beisammen. Vereint im Schmerz, an jenem verwunschenen Ort, wo am Dienstag 150 Deutsche, Spanier und Bürger anderer Länder auf unfassbare Weise aus dem Leben gerissen wurden. Es gibt berührende Erlebnisse der Anteilnahme: die aufrichtige Trauer der Franzosen mit den von jenseits des Rheins und der Pyrenäen an die Unglücksstelle eilenden Angehörigen und Freunden der Opfer. Die Umarmungen der Staatschefs. Das ans Herz greifende Bemühen der Helfer in Seyne-les-Alpes, den Hinterbliebenen das Abschiednehmen etwas leichter zu machen. Für die Kinder haben Französinnen Spielsachen in jene Halle geschafft, in der die Trauernden heute die vielleicht schmerzlichste Nacht ihres Lebens verbringen müssen. Andere Anwohner stellten Schlafplätze bereit.

Der Flugzeugabsturz im Herzen des Kontinents – er führt uns inmitten eines Meeres von Tränen auch tröstlich vor Augen, wie nah wir Europäer uns, jenseits des Gezänks um Euro und EZB, in Wahrheit sind: Zu den Opfern gehören Sprachschüler aus Deutschland, die junge Freunde in einem Städtchen bei Barcelona besucht haben. Und Spanier, die zurück nach Deutschland wollten, wo sie eine Arbeit gefunden hatten. Ihre zurückgebliebenen Lieben eint neben der gemeinsamen Trauer die quälende Frage nach dem Warum des Todesflugs 4U 9525. Die aber bleibt einstweilen unbeantwortet. In einer Welt, die doch alles zu wissen glaubt, lässt uns das überrascht und ratlos zurück.

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