Kommentar: Inszeniertes Chaos

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Werner Menner

Die Ägypter hatten in den ersten Revolutions-Monaten viele Gelegenheiten, mit Schlägertrupps Bekanntschaft zu machen. Geschickt und bezahlt wurden sie von jenen, die am meisten zu verlieren hatten: die Mubarak-Administration und ihr vor Gericht angeklagter Chef. Von Werner Menner

Das Militär hat sich zurückgehalten und den Sturz des langjährigen Despoten zugelassen. Damals. Jetzt, nach dem Siegeszug der Islamisten, geht es aber um ihre Pfründe, um Rache und um die Macht der Geheimdienste. Der Militärrat unter Führung von General Tantawi hat vor wenigen Tagen den seit 30 Jahren bestehenden Ausnahmezustand aufgehoben. Er hatte unter dem Druck der Wahlergebnisse keine andere Wahl. Doch das bedeutet nicht, dass die Militärs – die sich noch immer als die wahre ägyptische Regierung sehen und dies de facto auch sind – mit der damit verbundenen Selbst-Entmachtung abgefunden hat. Gerät die Lage am Nil außer Kontrolle und ihr Privileg in Gefahr, wird das Militär zuschlagen, sich als Retter der Nation inszenieren.

Die blutigen Exzesse von Port Said markieren einen Meilenstein auf dem Weg in ein drohendes Chaos. Was den Schluss nahelegt, dass bei diesen Ausschreitungen das Militär im Hintergrund mit die Fäden gezogen hat. Es fällt auf, dass sich die Gewalt vor allem gegen „Ultras“ aus den Reihen der Al-Ahly-Mannschaft gerichtet hat. Also gegen jene, die sich bereits auf dem Tahrir-Platz gegen die Gewalt des Mubarak-Regime gestellt haben – und auch die Speerspitze gegen das Militärregime bilden werden.

Ägypten läuft Gefahr, in die blutige Fahrspur Algeriens zu geraten. Auch dort hatten bei demokratisch durchgeführten Wahlen die Islamisten gesiegt, was das Militär nicht akzeptieren wollte. Die Folge war ein jahrelanger grausamer Bürgerkrieg mit bis zu 150 000 Todesopfern.

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