Kommentar

Kommentar: Spiegelbild der Gesellschaft

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Frank Pröse

Schlechte Zeiten für Fußball-Muffel. Konnten sie dem medialen Rummel ums Champions-League-Finale schon die letzten Tage kaum entfliehen, so sind ihnen heute zusätzliche Bürden auferlegt worden. Von Frank Pröse

Nicht nur in München und Dortmund trauen sich nur wenige Kulturbetriebe in Konkurrenz zur schier übermächtigen Derby-Übertragung aus dem Wembleystadion zu treten. Konzerte werden verschoben, Theaterabende abgesagt. Er ist schon verrückt, dieser Hype um ein Fußballspiel, das zugegebenermaßen ein besonderes ist, aber dennoch nur ein Fußballspiel, dem wir angesichts seines Bundesliga-Endspielcharakters auf europäischer Bühne eine Sonderseite spendiert haben. Champions-League-Dauerberieselung vom Frühstücksfernsehen bis in die abendlichen Nachrichtensendungen, denen der verletzte Muskel eines Mario Götze tagelang eine mit bewegten Bildern unterlegte Meldung wert ist. Kein Experte ist ungefragt geblieben, fast alle noch lebenden Fußball-Legenden durften einen Tipp abgeben. Ist das nicht übertrieben?.

Vielleicht ist den Deutschen ein wenig zu Kopf gestiegen, dass sie die beiden Endspiel-Teams für das Spektakel in London stellen. Die Fußball-Welt hat denn auch anerkennend Lob dafür gezollt nach dem Motto: In diesem Jahr ist deutscher Fußball das Maß aller Dinge, die mit dem runden Leder zu tun haben. Sympathiepunkte konnten deutsche Balltreter schon in der Vergangenheit sammeln. Jetzt aber gesellt sich zur huldvollen Anerkennung der Respekt. Fußball ist in diesen Tagen ein glänzendes Aushängeschild, steht stellvertretend für eine Nation, die aus Fehlern zu lernen weiß und über radikale Änderungen offensichtlich ihr Ansehen in der Welt zu steigern verstanden hat. Es ist zwar vorwiegend auf ökonomische Wurzeln zurückzuführen, hat aber auch mit dem Auftreten leichtfüßiger Fußballkünstler zu tun, die mit ihrer Lockerheit und Spielfreude viele Deutsche angesteckt haben. Fast scheint es so, als spielten beide miteinander erfolgreich Doppelpass, vergleichbar mit dem „Wunder von Bern“ als dem sportlichen Sinnbild für das beginnende Wirtschaftswunder. Beim Blick auf den WM-Titel in Italien lassen sich Parallelen zwischen Mannschaft und Nation insofern ziehen, als Beckenbauers Mannen sich mit unbändiger Willensstärke durchsetzten, spiegelbildlich für die Beharrlichkeit, mit der in diesen Jahren die Vereinigung vorangetrieben wurde. Der Doppelpass führt freilich nicht immer zum Erfolg - im Fußball wie im richtigen Leben. Heute freilich wird es nur Sieger geben - hoffentlich nach einem Spiel, das auch Fußballmuffel hat begeistern können.

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