25 Jahre Deutsche Einheit

Kommentar: Ein Grund zum Feiern

Unspektakulär, mit wenigen Emotionen unterlegt, war der Verwaltungsakt vor 25 Jahren, mit dem Deutschland Ost und West die Einheit vorgegeben wurde. Fahnenschwenken vor dem Reichstag, eine von den Protagonisten jener Tage schräg gesungene Hymne, ein Feuerwerk, das war´s.

Vielleicht kommt der 3. Oktober deshalb im Allgemeinen nicht an das Pathos des Mauerfalls vom 9. November 1989 heran. Gerechtfertigt ist das nicht, denn nicht die Öffnung der Grenze, erst der Vollzug der Fusion mit schwarz-rot-goldenen Accessoires hat unser Leben positiv beeinflusst. Es gibt Wendeopfer. Aber mehr als zwei Drittel aller Deutschen sprechen von der Einheit als persönlichem Gewinn.

Gehen Sie deshalb ruhig nach Frankfurt. Feiern Sie mit. Stören Sie sich nicht an der unvermeidlichen Aufzählungen von Misserfolgen, an Hinweisen auch auf deprimierende Zeiten unter dem Rubrum „Abbruch Ost“. Nach 25 Jahren Einheit lassen sich letztlich mehr Erfolge bilanzieren. Auch deshalb verdient es dieser Geburtstag, gefeiert zu werden. Etwas weniger Nüchternheit als in den vergangenen Jahren, dafür etwas mehr Emotionen in Anlehnung an ausufernde Freude und kecken Stolz vor einem Vierteljahrhundert dürfen es schon sein. Lassen Sie jene, die nicht dabei waren, etwas spüren vom gefeierten Beitritt der DDR, der mit der friedlichen Revolution angestoßen und später mit einer Geschwindigkeit vollendet wurde, die den Menschen in aller Welt beinahe den Atem nahm und nicht selten auf Zufällen beruhte.

25 Jahre später gibt es trotz des mit etwa zwei Billionen Euro unterfütterten Einigungsprozesses selbstverständlich immer noch Unterschiede in den Lebenswirklichkeiten in Ost und West. Auf dem Weg von der gekauften zur gefühlten Einheit sind wir zwar ein gutes Stück vorangekommen, der allmählichen Angleichung der Lebensverhältnisse stehen aber immer noch wie in Stein gemeißelte Differenzen gegenüber. Endlich aber dürfen die alten Bundesländer darauf hoffen, dass die Ost-Förderung ab 2019 zu einer gesamtdeutschen Hilfe für strukturschwache Regionen umgewandelt wird, wie es Angela Merkel versprochen hat.

Bei allem Hang zur Gleichmacherei, der schon beinahe an den untergegangenen Sozialismus deutscher Prägung erinnert, darf aber die Frage erlaubt sein, ob die Einheit auf Augenhöhe das Maß für einen gelungenen Einigungsprozess sein muss. Wer diesem Ziel nachjagt, wird nie ankommen, denn unterschiedliche Lebensbedingungen gibt es immer und in jedem Land dieser Erde. Vielleicht lässt es sich auf folgende Formel bringen: Wir sind 25 Jahre nach der Vereinigung zwei Völker in einem. Und ein völliges Zusammenwachsen steht gar nicht im Pflichtenheft.

Derweil sind sich die Deutschen in Ost und West immer weniger fremd. Nach einer Generation kann das auch biologische Gründe haben. Millionen kennen schließlich nichts anderes als ein gemeinsames Vaterland. Das, was 1990 angestoßen wurde, scheint im Innern aufzugehen, selbst zu konstatieren ist, dass es statt eines Miteinanders eher ein Nebeneinander gibt. Nur wenige sind auf der Suche nach gesamtdeutscher Identität. Die Folgen von 40 Jahre Teilung lassen sich in 25 Jahren offensichtlich nicht komplett aufarbeiten.

Nach außen ist das Deutschland der Neuzeit erwachsener geworden, politisch und wirtschaftlich stark, eine noch etwas zögerliche Leitnation in Europa und zugleich auf Ausgleich bedachter Partner in aller Welt, der weiß, dass er sich eingedenk der Nazi-Verbrechen immer etwas mehr als andere zurücknehmen muss. So ist die vor der Vereinigung im Ausland oft geäußerte Angst vorm Vierten Reich allmählich verflogen. Den international überwiegend entspannt auftretenden Deutschen mit ihrer geschätzten Kanzlerin wird inzwischen nahezu überall Sympathie entgegengebracht, während sich Angela Merkel daheim als Volksverräterin beschimpfen lassen muss. Der solchen Unsinn schreiende, verblödete Mob gehört freilich zu diesem Deutschland wie auch Moslems und Flüchtlinge, wobei letzteres nicht extra betont gehörte, weil das dem Versuch einer Rechtfertigung nahekommt, der gar nicht vonnöten sein dürfte.

Dieses Deutschland braucht keine selbsternannten Abendlandretter, die sich unter dem Gegröle „Wir sind das Volk, wir sind das Pack!“ zu einer Grenzüberschreitung unrühmlicher Art entschlossen haben. Auch das gehört aber zur deutschen Wirklichkeit und vergällt etwas die Freude über den Geburtstag der Einheit. Zumal die Ahnung um sich greift, dass Fremdenfeindlichkeit eher noch zunehmen wird - auch weil zu viele jener, die vor 25 Jahren auf der Suche nach einem besseren Leben selbst auf gepackten Koffern gesessen haben, den rechtsradikalen Hetzern hinterherlaufen. Noch gibt es in Ostdeutschland keine grundlegende Skepsis gegenüber den Spielregeln der Demokratie. Die Vielzahl der Angreifer hat sich aber keiner vor einem Vierteljahrhundert träumen lassen.

frank.proese@op-online.de

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