Kommentar: Fatales Eigentor

Die Zahlen, über die hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, sind eindrucksvoll. Wie groß der Vertrauensschwund und die Verunsicherung innerhalb der Katholischen und Evangelischen Kirche in Deutschland inzwischen ist, halten die langsam durchsickernden aktuellen Austrittsstatistiken fest.

Auch in Hessen laufen die Gläubigen den Kirchen offenbar in Scharen davon. Zuerst waren die Folgen des Missbrauchsskandals und der Bauaffäre um den früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst deutlich spürbar. Erstaunlich dabei war, dass auch die Evangelische Kirche betroffen war. Nun kommt ein weiterer, kapitaler Fehler hinzu: das Gerangel um die Zinsertragssteuer.

Was bei vielen Beobachtern auf völliges Unverständnis stößt, ist die Tatsache, dass sich die Kirchen diesen Schlamassel selbst fahrlässig eingebrockt haben. Mit intensiver Lobbyarbeit hatten die Kirchenoberen in Berlin durchgeboxt, dass der Bundestag ein Religionsregister genehmigte, das eine automatische Meldung an die Banken über die Konfessionszugehörigkeit ihren Kunden erlaubt. Damit kann also nun niemand mehr seine schon seit langem bestehende Pflicht zur der Zinsertragssteuer umgehen. Die Antwort vieler Sparer, die über Erspartes über dem Freibetrag verfügen, war vorhersehbar; die Zahl der Kirchenaustritte steigt inzwischen enorm - just mit Verweis auf diese Rechtänderung. Das trifft beide großen Kirchen.

Was vor allem wurmen sollte: Durch diese Ärgergeschichte droht der fatale Eindruck zu entstehen, der enorme Einfluss der Kirchen erstrecke sich nun - neben Vater Staat - auch noch auf die Banken. Klare Sache also: Die großen Kirchen in Deutschland haben mit der Durchsetzung der automatischen Abführung der Kapitalerträge ein vermeidbares Eigentor geschossen. Und ob sich die ganze Aktion unterm Strich (auch wegen der historisch niedrigen Zinsen am Geldmarkt) überhaupt noch finanziell rechnet, wird sich zeigen.

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