Daneben gegriffen

Kommentar: Krankenschwester auch ohne Abitur

Der Streit war absehbar. Dass es die getroffen hat, die auch zehn Jahre nach der Umbenennung ihres Berufsbildes immer noch „Krankenschwestern“ genannt werden, stellt sich heute als purer Zufall heraus. Von Detlef Drewes

Denn die Kommission hatte in der durchaus guten Absicht, die Berufsqualifikationen vergleichbar zu machen und unnötige Zugangsbehinderungen abzubauen, gleich beim ersten Anlauf voll daneben gegriffen. Mit der Forderung, dass das Pflegepersonal künftig zwölf Schuljahre absolvieren muss, ehe die Bewerber in die Fachausbildung einsteigen, hatte man das duale Ausbildungswesen der Bundesrepublik voll erwischt. Dessen Grundlagen zu attackieren, musste mit einem blauen Auge für Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier enden. Dabei weiß der Mann genau, dass dieser Weg, Schule und Beruf sinnvoll zu kombinieren, beispielhaft ist. Deshalb bleibt es auch unverständlich, dass die Kommission wider besseres Wissen den Streit hat weiter schwelen lassen, ehe ihn die Europa-Abgeordneten gestern endgültig ausgetreten haben. Denn eine gute Gesundheits- und Krankenpflegerin braucht kein Abitur, wohl aber hervorragende fachliche Qualifikationen. Und das hat das deutsche Klinikpersonal.

Der Fall zeigt aber zugleich, wie schwierig das Projekt werden wird, die Berufsbilder samt Anforderungen und geschützter Berufsbezeichnungen vergleichbar zu machen. Schon die Frage, was alles zur Schulzeit zählen soll (die Vorschule auch?), führt in ein Dickicht der unterschiedlichen Bildungssysteme. Deshalb ergibt das Vorhaben nur dann Sinn, wenn man sich nicht an den Ausbildungswegen orientiert, sondern die Inhalte der Berufsvorbereitung zusammenstellt. Denn es ist letztlich nicht wichtig, wo jemand seine Qualifikationen erwirbt, sondern dass er sie erworben hat.

Das gilt auch für den deutschen Meisterbrief, um dessen Überleben das Handwerk bereits fürchtet. Brüssel sollte seinen Ehrgeiz nicht darauf verwenden, bewährte Qualifikationen in allen Mitgliedstaaten harmonisieren zu wollen, sondern festzustellen, was welchem Zeugnis in dem einen wie dem anderen Land entspricht. Das wäre dann in der Tat hilfreich – für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer.

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