Krankes System

Kommentar zu Lieferengpässe bei Medikamenten

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An längere Wartezeiten beim Arzt oder bei der Terminvergabe haben sich Patienten fast schon gewöhnt. Doch nach Meldungen von Medizinern und Apothekern gibt es auch zunehmend Wartezeiten bei der Lieferung von wichtigen Arzneimitteln. Von Peter Schulte-Holtey

Von einer Alarmstimmung ist gar die Rede: Seit Jahren nehmen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Impfstoffen, Antibiotika oder Arzneimitteln etwa zur Behandlung von Krebs zu – ohne dass wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Bei der Suche nach den Hintergründen für diese gefährliche Entwicklung wird deutlich, wie vielfältig die Problemlage geworden ist – und wie schwierig es sein wird, schnell Abhilfe zu schaffen. So zeigt sich wieder einmal, welche Folgen eine zunehmende Konzentration in einem Wirtschaftsbereich hat. Denn verursacht werden die Lieferengpässe unter anderem durch die kleine Zahl großer Pharmakonzerne, die den Markt inzwischen beherrschen. Manche Wirkstoffe werden weltweit nur noch in einem Werk produziert. Wenn es just dort ein Problem gibt, weil etwa über längere Zeit der Strom ausfällt oder eine Charge verunreinigt wird, dann gibt es diesen Wirkstoff erst mal gar nicht mehr. Zudem lassen die Konzerne die Herstellung von Produkten, die nicht genügend Profit abwerfen, oftmals einfach auslaufen und stellen Ärzte und Patienten vor vollendete Tatsachen.

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Dabei ist die Kostenreduzierung überall spürbar. In Deutschland setzen die Rabattverträge, die Krankenkassen mit Herstellern aushandeln, um Arzneimittel in großen Mengen billiger zu bekommen, die Firmen zusätzlich unter Druck. Dabei stehen die Krankenkassen natürlich selbst unter Beobachtung, sie sollen ebenfalls sparen. Diese zunehmend verfahrene Situation bereitet den Ärzten längst enorme Kopfschmerzen. „Wenn wir durch Lieferengpässe nicht mehr zu einem rationalen Einsatz geeigneter Antibiotika in der Lage sind, geht dies zu Lasten der Patientensicherheit. Im schlimmsten Fall geraten Menschenleben in Gefahr“, bringt es der hessische Ärztekammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach auf den Punkt. Dies gilt natürlich ebenso für Lieferengpässe bei hochwirksamen Krebsmedikamenten oder Impfungen.

Fest steht, dass alternative Therapien entwickelt werden müssen. So könnten Pharmaunternehmen verpflichtet werden, Engpässe rechtzeitig zu melden. Es muss Ideen geben, um Patienten in Zukunft besser zu schützen. Auf die Gesundheitsminister wartet ein Berg Arbeit. Es geht um eine gesunde Reform für ein krankes System.

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