Kommentar: Schöne neue Arbeitswelt

Nicht nur bei den Vermögen, auch bei den Gehaltszuwächsen gibt es in Deutschland eine Umverteilung von unten nach oben. So hat es nach einer neuen Studie zwischen 2005 und heute nennenswerte Gehaltssteigerungen nur bei Führungskräften gegeben. Von Frank Pröse

Selbst Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss haben sinkende Reallöhne hinnehmen müssen. Bei Fachkräften und Sachbearbeitern fiel der Rückgang noch deutlicher aus. Die Entwicklung kann nicht überraschen. Schließlich werden im Unterschied zu den Führungskräften immer mehr Arbeitnehmer in den nachfolgenden Ebenen nicht fair bezahlt.

Allgemeiner Erkenntnisstand ist, dass die gewachsene Ungleichheit bei der Verteilung von Einkommen, Gewinnen und Vermögen ursächlich für die weltweite Wirtschaftskrise ist. Hierzulande erfahren die Gewerkschaften zurzeit eine erstaunlich breite Unterstützung für ihre Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung rechnet eine Mehrheit der Deutschen mit nennenswerten Lohnzuwächsen. Sie haben offensichtlich nicht wahrgenommen, dass die Krise mit Verzögerung auch an die eigene Tür klopft. In den meisten europäischen Ländern drückt die Schuldenkrise die Gehälter der Arbeitnehmer - sofern die überhaupt noch das Glück einer Festanstellung haben.

Nun müssen sich auch die Deutschen auf sinkende Reallöhne einstellen, das sogar mittel- bis langfristig. Doch das ist nur der konjunkturelle Aspekt weltweiter Entwicklungen. Eine gewichtige Rolle spielt vor allem der tarifpolitische Wandel. Die Arbeitswelt wird immer mehr geprägt von Minijobs, befristeter Beschäftigung, Leiharbeit und einem immer größer werdenden Niedriglohnsektor. Das schlägt selbstverständlich auf die Gehaltsstatistik durch. Und die bildet eben zugleich auch ab, dass dieser Wandel in Führungsetagen kein Thema ist.

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