Britischer Abhörskandal

Kommentar: Neue Dimension

Mit dem Rücktritt der Londoner Polizeispitze hat der britische Abhörskandal eine neue Dimension erreicht. Wenn Sir Paul Stephenson sich vom früheren Vize-Chefredakteur eines Skandalblattes eine Kur bezahlen lässt, ist er entweder unglaublich naiv (was an seiner Qualifikation zweifeln lässt) oder dreister Kumpanei mit jenem Teil der Presse dringend verdächtig, der sich offensichtlich nicht an Recht und Gesetz gebunden fühlt. Von Lorenz von Stackelberg

Auf Scotland Yard, weltweites Synonym für akribische Ermittlungsarbeit unbestechlicher Kriminalisten, fällt ein dunkler Schatten, der an die Grundfesten der britischen Gesellschaft rührt: Ohne ehrliche und unabhängige Sicherheitsbehörden ist ein Rechtsstaat schlicht undenkbar. Offensichtlich ist, dass die britische Regierung jetzt mehr aufzuklären hat als nur die seltsamen Methoden der Schmuddelpresse, will sie nicht selbst in Gefahr geraten.

Ministerpräsident David Cameron bietet sich vor diesem Abgrund aber auch die ungeahnte Chance, die Außenstehenden schon immer anstößig erscheinende Symbiose zwischen Meinungsmacht und Politik in Großbritannien ins Visier zu nehmen. Komplette Regierungen, die sich vor einem Medien-Tycoon ungeniert im Staub wälzen, sind einer Demokratie unwürdig. Der Abhörskandal könnte diesem unguten Beziehungsgeflecht den entscheidenden Schlag versetzen.

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