Fast schon revolutionär

Kommentar zur Papst-Enzyklika

Das Oberhaupt der katholischen Christenheit wird nicht müde, die Menschen mit den Forderungen des Evangeliums zu konfrontieren. In diesem Sinne ist auch seine neueste schonungslose Diagnose zu verstehen. Von Peter Schulte-Holtey

Papst Franziskus setzt sich mit seiner Enzyklika an die Spitze der Ökobewegung. Er kennt keine Zurückhaltung und kritisiert Politiker, Finanzspekulanten und all jene, die ihr Heil im Konsum suchen. Er wendet die christliche Botschaft und katholische Lehre so konsequent auf die heutige Zeit an, dass er fast schon revolutionär wirkt. Etwa, wenn er die Wegwerfkultur verwirft und einen neuen Lebensstil fordert. Das Prinzip der Profitmaximierung stelle eine „Verzerrung des Wirtschaftsbegriffs“ dar, sagt er. Besonders bedenkenswert ist, dass er den Menschen in den reichen Industrieländern den Spiegel vorhält - vor allem uns will er in die Pflicht nehmen.

Erneut zeigt sich, was den Argentinier auszeichnet: Er denkt und handelt sozial, wendet sich den Armen und Unterdrückten zu und will Lebenshilfe geben. Franziskus sucht auch in dieser Enzyklika die Nähe zu den Menschen - und überzeugt mit Authentizität, Bescheidenheit und Klarheit, aber auch mit überraschenden Positionierungen, mit denen er bewusst provoziert. Mit seinem neuen Lehrschreiben übernimmt er aber auch große Verantwortung beim Wirken in die katholische Kirche hinein.So muss Franziskus dafür sorgen, dass die reichen Bistümer (mit oft großem Grundbesitz und Firmen-Eigentum) in Sozial- und Umweltfragen mit gutem Beispiel vorangehen. Die Gläubigen erwarten jetzt ein Zeichen an die Bischöfe. Die Enzyklika könnte dann auch zu einem Zukunfts-Manifest der katholischen Kirchen werden.

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