Kommentar: Die Fragen der Ungehörten

Noch scheint das Abendland nicht verloren. Mut macht eine Gegendemonstration zur islamfeindlichen „Pegida“-Bewegung, die unter dem Motto „Dresden für alle“ Zigtausende auf die Straßen brachte, um für Weltoffenheit, gegen Intoleranz und zum geordneten Dialog mit den Andersdenkenden aufzurufen. Von Frank Pröse

Zuvor bestimmten alleine die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ - kurz „Pegida“ - die Schlagzeilen mit Warnungen vor „schleichender Islamisierung“ und aktueller Asylgesetzgebung. Sie sammeln sich nach ihrem Verständnis als Interessenvertretung der couragierten Ungehörten, denen nicht der Mut zur Wahrheit fehlt.

Schließlich muss doch mal gesagt werden dürfen, dass die Einwanderungswelle von Wirtschaftsflüchtlingen die abendländische Kultur bedroht, dass Asylanten den vollen Komfort genießen, während Deutsche bei der Arbeitsagentur die Hose runter lassen müssen, dass straffällig gewordene Asylbewerber milder als die Deutschen behandelt werden, dass Regierung wie Medien mit ihren Aufrufen zur Toleranz und ihren Warnungen vor den Menschenfischern am rechten Rand gleichgeschaltete Feinde „des Volkes“ sind. Es sind zumeist desinformierte Generalverweigerer, die mit Vorurteilen bewaffnet und Statistiken der Lüge zeihend gegen Schimären zu Felde ziehen. Denn es gibt keine Flüchtlingswelle, die Deutschland überspült, es gibt keine Islamisierung Europas, dem von „Pegida“ in Anspruch genommenen „gesunden Volksempfinden“ zum Trotz.

Viele, die mitdemonstrieren, fühlen sich offenbar unverstanden, abgehängt, bedroht, wollen Frust ablassen und sehen sich in der Realität verankert, während sich die Parteien ihrer Meinung nach im Wolkenkuckucksheim eingerichtet und ihre Ängste vor Überfremdung nicht ernst genommen haben. Fremd im eigenen Land? Ja, man kann sich als Fremder fühlen, wenn Mitbürger und Flüchtlinge respektlos behandelt und deren Heime angezündet werden!

Bis heute weiß niemand, was „Pegida“ konkret verlangt. Asyl zu gewähren ist jedenfalls keine Zumutung, wie es dieser Tage verstärkt suggeriert wird. Und die Gefahr der Islamisierung ist bei 2,2 Prozent Ausländern in Sachsen wohl eher zu vernachlässigen. Muslime nur im Promillebereich, aber massiv gegen die Islamisierung protestieren – das funktioniert nur im Tal der Ahnungslosen... In Kreuzberg, wo sehr viele Religionen und Kulturen Tür an Tür aneinander wohnen, demonstriert keiner. Und die „Pediga“-Ableger in Düsseldorf, Kassel und Würzburg haben gerade mal ein paar Dutzend Abendland-Retter aktiviert.

Gleichwohl sind die Hilferufe ein Alarmsignal dafür, dass sich mehr Menschen als erwartet von Politik und Medien unverstanden fühlen. Wenn Weihnachten wegen einer völlig falsch verstandenen Rücksicht gegenüber dem Islam in Winterfest umbenannt wird oder Sparschweine aus Sparkassen verschwinden, bei auffälligen muslimischen Gruppen aber keinerlei Anpassung durchgesetzt wird, dann erhöht dies das Radikalisierungspotenzial.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Nicht jeder, der in dieser Sache auf die Straße geht, sollte als Wutbürger mit fremdenfeindlichen Absichten abqualifiziert werden. Es dürften eher persönliche Erfahrungen im Diskurs mit einer zu oft auch intoleranten Gegenseite sein, die sich an Themen wie schulischem Schwimmunterricht, Scharia, Zwangsehe, Burka oder der Anmache/Beleidigung deutscher Frauen festmachen lässt. Es ist der Bauch, der „Pegida“ steuert, nicht der Kopf. Und so überlagern Alltagserfahrungen bei vielen der Kundgebungsteilnehmer die Asylproblematik.

Kriegsflüchtlingen muss Schutz gewährt werden! Gleichwohl sollten wir die Fragen zulassen, ob jede Hausbesetzung durch Asylbewerber geduldet werden muss, ob diese finanziell mit Hartz-IV-Beziehern gleichgesetzt werden müssen, ob in Deutschland die Vollverschleierung zu dulden ist, ob nicht mehr für die Integration von Migranten geleistet werden muss, ob die EU-Freizügigkeit in dieser Form aufrechtzuerhalten ist und auch ob Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt werden müssen. Die Beantwortung der sich daraus ergebenden Fragen dürfen wir nicht den Rechten überlassen.

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