Proteste in der Türkei

Kommentar: Freiheit lernen

Lernt der Islam - lernt die derzeitige Regierung in der Türkei Freiheit? Das ist die große Frage, mit der sich auch viele türkischstämmige Menschen im Rhein-Main-Gebiet in diesen Tagen beschäftigen.

Es geht im Konflikt schließlich auch darum, wie sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogans fromme Wählerschaft in den ländlichen Gebieten der Türkei, die ihren Glauben gerne öffentlich zeigt, jetzt verhalten wird, wie sich die geistliche Elite die Zukunft des Landes vorstellt. Auch sie müssen doch längst registriert haben, dass der mächtigste Mann der Republik offensichtlich nicht erkennt, dass er sich an einer der wichtigsten Wegmarken seiner Herrschaft befindet. Immer mehr Menschen in den Großstädten sind mit dem Regierungsstil des Premiers nicht mehr einverstanden. Vor allem aus der zuletzt stark gewachsenen Mittelschicht wenden sich nun viele von Erdogan ab, weil sein Politikstil zu autoritär ist. Sie fürchten, dass die Versammlungs- und Meinungsfreiheit in dem Staat, der mehr Journalisten ins Gefängnis geworfen hat als jeder andere auf der Welt, bald endgültig auf der Strecke bleibt. Die Proteste vieler Türken zeigen, dass große Teile der Gesellschaft des Landes in Sachen Demokratie viel weiter sind als die Regierenden.

Kein Wunder, dass sich die Blicke nun verstärkt auf Staatspräsident Abdullah Gül richten, der anders als Erdogan ein Gespür für die richtigen, die versöhnenden Worte hat. Ihm ist nur zu wünschen, dass er mehr Unterstützer in der Regierung und bei den islamischen Gelehrten auf seine Seite ziehen kann. Denn mit großer Spannung beobachten viele in Europa, ob die Türkei es noch schafft, demokratische Kanäle für die gesellschaftlichen Streitfragen zu finden. Wenn das am Ende doch gelingen sollte, würde das Land einen großen Sprung nach vorne machen - auch in der seit Jahren besonders in Deutschland höchst umstrittenen Frage nach einer möglichen EU-Mitgliedschaft.

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