Kommentar: Von wegen Rente sicher

Die EU-Kommission hat sich ziemlich dreist in die Nesseln gesetzt. Denn natürlich steht es ihr nicht zu, ihre Kompetenzen selbstherrlich zu erweitern und den Mitgliedstaaten Vorschriften in Sachen Alterssicherung zu machen. Von Detlef Drewes, Brüssel

Doch in diesem Fall tut Brüssel das Richtige: Man bedrängt, ermahnt und wird lästig, weil jede Regierung, die dieses Thema anpackt, die Rache des Wählers fürchten muss. Dabei sind die Zahlen eindeutig: Wir stehen entweder vor einer großen Renten-Katastrophe, weil die Pensionen immer weiter sinken müssen. Oder wir müssen länger arbeiten. Einen dritten Weg gibt es nicht.

Dabei führt das Schlagwort von der Rente mit 70 nur ungenügend weiter. Es sei denn, man relativiert es zu einem Ziel, von dem man weiß, dass es ohnehin nur wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erreichen werden. Denn dass es zahlreiche Berufe gibt, deren Vertreter schon mit 55 oder 60 nicht mehr wissen, wie sie den Anforderungen gerecht werden können, ist eine sozialpolitische Tatsache. Insofern sollten die, die dieses Stichwort in die Runde werfen, auch viel Fantasie für attraktive Lösungen aufbringen. Ein einfaches „Weitermachen“ bis 70 kann es in vielen Bereichen sicher nicht geben. Betriebe und Unternehmen brauchen neue Positionen, um altersgerechtes Arbeiten nicht nur möglich, sondern auch interessant zu machen. Andere Länder haben hervorragende Erfahrungen mit Anreizen gemacht, bei denen die Menschen ihren Anspruch auf die gesetzlichen Ruhestandsgelder ausbauen können – und dürfen. Es wird also – so wie bisher übrigens auch – bestenfalls ein gesetzlich geregeltes Renteneintrittsalter weit oberhalb der heutigen Grenze geben. Aber wir brauchen zugleich Modelle, um möglichst nahe an diese Marke heranzukommen. Und auch um Ausnahmen möglich zu machen.

Dennoch hat die Europäische Kommission mit ihrem Tabubruch Recht. Zwar haben viele Mitgliedstaaten in den vergangenen Jahren erste Schritte unternommen, um die Alterssicherung zu reformieren. Aber selbst das, was die Bundesrepublik durch die Rente mit 67 erreichen wird, kann nur eine Zwischenstation sein. Weil die große Verschiebung von Jung zu Alt erst danach eintritt. Und weil man einen derartig zentralen sozialpolitischen Umbau langfristig vorbereiten muss, damit er sozusagen am Stichtag in Kraft treten kann.

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