Stöckelschuh und Flughafen

Kommentar zu Wowereits Rücktritt

Es ist das Ende einer Epoche. Mit Klaus Wowereit geht der dienstälteste deutsche Regierungschef - und eine sehr prägnante Politikerpersönlichkeit. Von Martin Krigar

Für Menschen in Hessen ist es vielleicht nicht überragend wichtig, wer in Berlin für Landespolitik zuständig ist. Doch „Wowi“ werden wir selbst aus der Distanz vermissen. Es gehört zum Politikerschicksal, dass mit dem Karriereende oft eine schwere Niederlage verbunden ist. Im Falle Wowereit ist das der Hauptstadtflughafen. Er ist einer der Hauptverantwortlichen für ein organisatorisches und finanzielles Fiasko ohne Gleichen. Wenn der Regierende Bürgermeister überhaupt noch eine weitere, letzte Wiederwahl angestrebt hätte, wäre sie an diesem Desaster gescheitert. Der Rückzug ist die kluge Entscheidung eines Realisten. Was wir trotzdem an Wowereit schätzen? Der scheidende Regierungschef steht auch für einen faszinierenden Aufschwung der wichtigsten deutschen Stadt. Dafür hat er zunächst die passenden Symbole geliefert: Sein persönliches Outing als Schwuler - vor 13 Jahren noch eine politischen Sensation - stand für eine neue Berliner (und deutsche) Weltoffenheit.

Seine frühen Auftritte mit Stars, Champagner und roten Stöckelschuhen waren die Einladung zur großen Hauptstadt-Party; sie ist längst wesentlicher Bestandteil des weltweiten Berlin-Booms. Wowereit war aber immer auch harter Schreibtischarbeiter und politisches Kommunikationstalent. Ohne diese Fertigkeiten hätte er es nie so lange an der Spitze ausgehalten – schon gar nicht in Berlin mit seinem vielfach unfähigen, intriganten landespolitischen Personal, das einer Weltstadt unwürdig ist. Klaus Wowereit hat nicht alle Berliner Probleme gelöst, schon gar nicht die finanziellen. Aber er hat lange überlebt. Auch deshalb ist er noch 2011 ernsthaft als Kanzlerkandidat der SPD gehandelt worden. Ein Absturz in drei Jahren: Schnell geht das in der Politik. Gnadenlos schnell.

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