Kommentar: Sicherheit bis zur Tür?

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Lorenz von Stackelberg

Der Mord an einem jungen Staatsanwalt in Dachau löst in der Öffentlichkeit Entsetzen, Trauer und Mitgefühl mit den Angehörigen des Opfers aus. Und Verunsicherung, die in der Frage gipfelt, ob sich diese irrwitzige Bluttat nicht hätte verhindern lassen. Von Lorenz von Stackelberg

Die Rufe aus Politik, Polizei und Justiz nach mehr Sicherheit im Gerichtssaal suggerieren allerdings, entsprechende Risiken seien beherrschbar, sofern man nur die richtigen Maßnahmen trifft. Das ist leider zu einfach gedacht.

Im Dachauer Fall hätte es mindestens Leibesvisitationen bedeutet oder Metalldetektoren – woran aus nachvollziehbaren Gründen natürlich niemand gedacht hat. Es handelte sich allem Anschein nach um einen alltäglichen Betrugsfall, eine juristische Bagatelle ohne drakonische Strafandrohung. Jene Ingredienzien, die manche Gerichtsverfahren zu brisanten Angelegenheiten machen, fehlten zur Gänze: menschliche Leidenschaften, unkalkulierbare Emotionen, Gewalttätigkeit, Drogensucht oder Terrorismus. Und die deformierte Psyche des Schützen war zuvor offenbar niemandem aufgefallen; nichts deutete auf seine eruptive Wahnsinnstat hin. Eine Verhandlung wie tausende andere ohne Anlass zu besonderer Vorsicht also.

Derartige Verfahren künftig hermetisch zu sichern, wäre nicht nur aus Personal- und Kostengründen unverhältnismäßig. Recht wird im Namen des Volkes gesprochen, und das Volk hat ein Recht darauf, nicht ausgeschlossen zu werden. Hochsicherheitsverfahren, in denen zwischen Panzerglas verhandelt wird und zu denen Beobachter erst nach Überwindung zahlreicher Sicherheitsschleusen Zutritt erhalten, stehen dazu im Widerspruch und wären ohne klar definierte Risiken absurd. Natürlich kann man jetzt über gewisse Maßnahmen diskutieren, eine Garderobenpflicht für Mäntel und Taschen etwa oder Stichproben-Kontrollen. Wer jeden Ort der Rechtsprechung aber in eine Festung verwandeln wollte, müsste konsequenterweise auch über Personenschutz nachdenken. Wenn eine Gefahr besteht, endet sie nicht an der Tür des Gerichtssaals.

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