Tödliche Fehlrechnung

Kommentar: Werbeverbot für Tabak kommt erst 2020

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Siegfried J. Michel

Wieder einmal hat sich die einflussreiche Tabaklobby durchsetzen können: Zigaretten-Werbung an Haltestellen, Litfaßsäulen oder im Kino wird nun laut Medienberichten wohl erst ab 1. Juli 2020 in ganz Deutschland verboten.  Von Siegfried J. Michel

Siegfried J. Michel

Ursprünglich wollte Christian Schmidt (CSU), seines Zeichens Minister für Ernährung und Landwirtschaft, ein solches Verbot bereits ab Juli 2018. Dagegen waren aber Kanzleramt und Wirtschaftsministerium – weil man der Tabakindustrie eine längere Schonfrist habe einräumen wollen, heißt es.

Feststellen kann man, dass die Politik ein schizophrenes Verhältnis zum Thema Rauchen hat. Auf der einen Seite wird auf Steuereinnahmen und Arbeitsplätze geschielt, auf der anderen Seite ist in Berlin sehr wohl bekannt, dass Rauchen tödlich sein kann und die Gesellschaft viel Geld kostet. Fakt ist, dass diese Regierung und ihre Vorgänger eine tödliche Fehlrechnung aufmachen. Das zeigt auch der „Tabakatlas Deutschland 2015“, den das Deutsche Krebsforschungszentrum ja just erst am Dienstag veröffentlicht hat. Beim Blick auf die dort zusammengetragenen Daten kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob der Ignoranz der Politiker.

An solche Bilder müssen wir uns gewöhnen

Tatsache ist, dass in der Tabakbranche im Land (nur) rund 10 000 Menschen beschäftigt sind. Durch die Tabaksteuer kassiert der Staat jährlich gut 14 Milliarden Euro. Das ist nicht wenig. Aber: Nach den jüngsten Berechnungen des Krebsforschungszentrums sterben jährlich etwa 121 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Und das Qualmen schadet natürlich nicht nur der Gesundheit, sondern bedeutet auch für die Allgemeinheit eine hohe finanzielle Belastung. So kostet das Rauchen die Gesellschaft laut den Experten in Heidelberg jährlich 80 Milliarden Euro. Davon sind etwa ein Drittel Kosten für das Gesundheitssystem (direkte Kosten) und zwei Drittel Kosten für die Volkswirtschaft durch Produktionsausfälle und Frühverrentung (indirekte Kosten). Um das auszugleichen, so heißt es in der Studie weiter, müsste eine Schachtel Zigaretten eigentlich 11,30 Euro kosten.

Angesichts dieser erschreckenden Zahlen muss sich die Regierungstruppe in Berlin schon den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr das Wohl der Tabakkonzerne ganz offensichtlich mehr am Herzen liegt, als das Wohl der Bevölkerung.

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