Finanzkrise in Griechenland

Kommentar: Ohne Rücksicht auf Verluste

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Immerhin 119 Abgeordnete haben die ausgetüftelte Strategie gegen die Finanzkrise in Griechenland abgelehnt. Immerhin 119 haben sich also nicht vom Kompromiss aus geschönten Zahlen und Gesetzesbrüchen blenden lassen. Von Frank Pröse

Immerhin aber hat die Kanzlerin eine komfortable Mehrheit hinter sich vereinen können, die mit ihr zusammen alle diese Ungereimtheiten in Kauf nimmt und ohne Rücksicht auf Verluste Schulden zulasten künftiger Generationen aufzuhäufen bereit ist. Und das für ein Kredit- und Sparprogramm, das die zwangsbeglückten Griechen rundweg ablehnen, was erwarten lässt, dass die geforderten Reformen halbherzig oder gar nicht umgesetzt werden. Auch andere Bedingungen sind nicht erfüllt, der Internationale Währungsfonds beispielsweise ist nicht – wie von Angela Merkel gefordert – mit im Boot.

Mittendrin sitzt dafür mit Wolfgang Schäuble ein Finanzminister aus Deutschland, der als gnadenloser Eintreiber Sympathiepunkte beim Publikum zuhause sammelt, im Ausland dafür dann schon mal mit Hitler-Bärtchen karikiert wird. Der überzeugte Europäer hält davon unbeeindruckt an der These fest, dass vorübergehender Grexit und der dann mögliche Schuldenschnitt die bessere Lösung für Griechenland und die Euro-Zone gewesen wäre. Da hat ein Architekt des mit Athen mühsam erzielten Kompromisses rhetorisch also immer noch nicht abgerüstet, ebenso wie sein wenig vertrauenswürdiger Verhandlungspartner auf griechischer Seite, der das Kunststück fertigbringt, in seiner Heimat für Reformen zu werben, die er eigentlich ablehnt. Den Daumen hätte auch der Bundestag mal lieber senken sollen. Wenn die Kanzlerin sich schon rühmt, dass in Europa einem Land noch nie so strenge Auflagen gemacht wurden, so ist doch zu erwarten, dass dessen so sehr gedemütigte und entmündigte Bevölkerung sich im Quasi-Protektorat den Vorschriften aus Brüssel und Frankfurt widersetzt. Dann ist guter Rat teuer.

Bundestag billigt Verhandlungen über Hellas-Hilfen

Durch einen Grexit hätte Europa einen irreparablen Schaden genommen, heißt es. Doch auch die Art der Verhandlungen mit Griechenland, Anfeindungen, nationale Ressentiments sowie eine Leid und Elend in Kauf nehmende Finanzpolitik zeigen, wie sehr die Vision vom geeinten Europa inzwischen auf den Hund gekommen ist. Plötzlich steht sogar die deutsch-französische Allianz in Frage. Dabei ist nicht weniger, sondern mehr Europa notwendig. Wer aber kann sich dafür nach dem Griechenland-Desaster noch begeistern?

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