Lasst ihn doch!

Kommentar: Streit um Erdogan-Auftritt

Recep Tayyip Erdogan kommt nach Köln, um sich in der großen Arena feiern zu lassen und seinen Präsidentenwahlkampf vorzubereiten. Na und? Lasst ihn doch!

Wer das Gastspiel des türkischen Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen verbieten will, hat Grundprinzipien unseres Staatswesens nicht verstanden. Demokraten verbieten anderen Menschen in aller Regel nicht den Mund. Demokraten lassen Andersdenkende agieren, solange diese nicht gegen Gesetze verstoßen. Demokraten gewähren Gastfreundschaft, auch wenn der Gast unsympathisch ist oder unsensibel. Wir halten das aus. Also: Lasst ihn!

Recep Tayyip Erdogan entlarvt und disqualifiziert sich doch selbst. Demonstrationen, die sich diesmal gegen seine Person richten, wird er aushalten müssen (auch wenn er sie zu ignorieren versucht). Es ist ungehörig, wenige Tage nach der türkischen Bergbau-Katastrophe ungerührt eine Polit-Show in Deutschland zu veranstalten. Es ist herzlos, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt weniger um die Familien von mehr als 300 toten Bergleuten in Soma zu kümmern als um großteils fanatische Anhänger in Köln. All das geschieht immerhin in aller Öffentlichkeit. Kein Erdogan-Anhänger kann hinterher sagen, er habe es nicht gesehen.

Gastgeber dürfen allerdings auch nicht naiv sein. Die Bundesregierung erwartet ein „sensibles und verantwortungsbewusstes Auftreten“ des Türken. Das ist mit dieser Vorgeschichte schwer möglich. Berlin hofft, dass „die Veranstaltung tatsächlich zum guten Zusammenleben in Deutschland beiträgt“. Voraussetzung wäre, dass Erdogan daran interessiert ist. In Wahrheit geht es ihm derzeit natürlich nicht um „gutes Zusammenleben in Deutschland“. Am Samstag in Köln geht es Erdogan nur um Erdogan. Aber auch das ist nicht verboten. Also: Lasst ihn!

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