Streit um Grass-Gedicht

Kommentar: Was gesagt werden muss

Das ist peinlich für einen Dichter, der einmal als einer der wichtigsten literarischen Vertreter Deutschlands in der Welt galt. Denn Günter Grass ist mit seinem umstrittenen Gedicht „Was gesagt werden muss“ auch Friedensbewegten weltweit in den Rücken gefallen. Von Peter Schulte-Holtey

Er hat die Augen verschlossen - vor den unsäglichen Hasstiraden des iranischen Präsidenten gegen Israel, vor der in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft weit verbreiteten Angst vor Raketenattacken aus dem Reich der Ajatollahs, aus Gaza und dem Libanon.

Natürlich ist es gerechtfertigt, vor einem Angriff Israels auf den Iran - mit möglichen verheerenden Auswirkungen auf die gesamte Nahostregion - zu warnen. Man sollte das aber sachlich tun und beide Seiten angemessen beurteilen. Genau dies ist dem Unruhestifter Grass, der wohl gerne ein Friedensstifter wäre, mit seinem Gedicht nicht gelungen.

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Wenn der Nobelpreisträger pauschal Israel an sich als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet, wird es besonders deutlich: Grass spricht nicht für Deutschland, seine Position als moralische Instanz bei der Bewertung des Nahostkonflikts hat er damit endgültig verloren. Erschreckend ist die Gefühlslosigkeit, die aus seinen Zeilen spricht, bei einem so heiklen Thema wie die Unterstützung des deutschen Volks bei der Judenvernichtung in Europa.

Was aber auch gesagt werden muss: Man sollte bei der Kritik an seinen „Einlassungen“ nicht übers Ziel hinausschießen. Manches ist bedenkenswert. Es stimmt ja, es wird viel zu wenig darüber gesprochen, dass Rüstungsgeschäfte von deutschen Waffenherstellern international sehr profitabel getätigt werden und Bundeswehrsoldaten bei internationalen Kampfeinsätzen Angreifern - mit zum Teil in Deutschland hergestellten Waffen - gegenüber stehen.

Wer sich nun an der Diskussion beteiligen will, sollte sachlich bleiben und im Sturm der Entrüstung über die Meinungsäußerung eines Literaten nicht jede Verhältnismäßigkeit außer Acht lassen. Das israelische Einreiseverbot gegen Grass, der sicherlich kein Antisemit ist, ist die falsche Antwort gewesen. Denn auch fürs deutsch-israelische Verhältnis gilt der Grundsatz, dass Freunde Kritik in einer von Intellektuellen geführten Debatte aushalten müssen.

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