EU-Stresstest

Kommentar: Zerrissener Kontinent

Deutschland steht wieder einmal im Abseits. Kaum ein europäisches Land hat nach den Ereignissen in Fukushima mit vergleichbar selbstzerfleischender Akribie seine Energieversorgung auf den Prüfstand gestellt. Von Detlef Drewes

Die Idee des deutschen EU-Energiekommissars, alle Meiler Stresstests zu unterwerfen, erntete oft pures Kopfschütteln. Man solle doch nicht so tun, als ob bisher überhaupt keine Sicherheitsüberprüfungen stattfänden,stellte der Chef der nationalen Aufsichtsbehörden gestern noch einmal in Brüssel klar. Und er hat Recht.

Gerade deshalb sind die Belastungsproben, die am kommenden Mittwoch anlaufen werden, schon ein Erfolg, weil sie überhaupt stattfinden. Denn diese Union, in der Flugzeugpassagiere bei der Sicherheitskontrolle am Airport ihr Mineralwasser abgeben müssen, kannte einheitliche Prüfstandards für Atomkraftwerke bisher nicht. Diese kann man in der Luft zerpflücken, weil die Erdbebensicherheit immer noch höher geschraubt oder der Flugzeugabsturz mit immer noch schwereren Jets vermutet werden kann. Dennoch ist der Katalog der Risiken, auf die die Meiler nun durchleuchtet werden, am Ende doch beachtlich. Die Frage aber heißt: Was wird erreicht?

Wie auch immer diese Stresstests am Ende ausgehen, Europa bleibt noch auf lange Sicht ein energiepolitisch zerrissener Kontinent. Die Wahl zwischen Atomstrom oder erneuerbarer Energie ist Sache der Mitgliedstaaten. Und wir sollten uns nicht wünschen, dass sich daran etwas ändert. Denn in Brüssel haben die Kernkraft-Befürworter die Mehrheit. Das liegt nicht nur daran, dass die CO2-armen Meiler in den Klimaschutzzielen eine zentrale Rolle spielen. Es geht auch darum, dass das Vertrauen in die finanzielle Machbarkeit einer Energiewende bestenfalls gering ist. So gering jedenfalls, dass man sie höchstens der ökonomischen Nummer Eins zutraut. Das heißt aber auch: Am Ende werden wir mit Stresstest-Ergebnissen dastehen, die vielleicht zu Nachrüstungen führen, aber sich nicht zum großflächigen Abschalten von Reaktoren.

Wer auf die Tests baut, um den Atomausstieg zu erreichen, wird bitter enttäuscht werden.

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