Seine Stimme wird fehlen

Kommentar zum Tode Helmut Schmidts

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Helmut Schmidt

Mit Helmut Schmidt ist ein ganz Großer abgetreten. Zwar mag seine Kanzlerschaft nicht die historische Dimension der Regierungsjahre von Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Kohl gehabt haben, doch sein Pragmatismus, sein Intellekt, seine Gradlinigkeit, seine Weitsicht strahlten weit über die acht Jahre im Bonner Kanzleramt hinaus. Von Angelika Dürbaum

Schmidt prägte so das politische Denken ganzer Generationen. Der Sozialdemokrat war bis ins hohe Alter auf der Höhe der Zeit, machte komplexe Zusammenhänge für jedermann verständlich, gab ohne Rücksicht auf Parteibuch-Befindlichkeiten wichtige Impulse im politischen Diskurs, ob daheim oder auf internationaler Bühne. Schon Anfang der 60er Jahre wurde aus dem Hamburger Provinzpolitiker der „Macher“, der sich angesichts großer Not nicht um Instanzenwege scherte. Als Bundesminister in so verschiedenen Ressorts wie Verteidigung oder Finanzen handelte „Schmidt Schnauze“, wo andere taktierten.

Seine wohl schwerste Entscheidung musste er als Kanzler im „Deutschen Herbst“ 1977 treffen, als der Staat drohte, vom Links-Terrorismus gelähmt zu werden: Seine Weigerung, den Forderungen der RAF nachzugeben, war wohl das Todesurteil für den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, aber sie leitete auch das Ende der Terror-Truppe ein.

Gegen den erbitterten Widerstand großer Teile der deutschen Bevölkerung und in den eigenen Partei-Reihen setzte der Sozialdemokrat Anfang der 80er Jahre den Nato-Doppelbeschluss durch. Historiker sehen darin heute den entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Deutschen Einheit, für den von seinen Genossen allenfalls geachteten, aber keinesfalls geliebten Schmidt bedeutete es das Ende seiner Bonner Karriere - die „geistig-moralische Wende“ katapultierte ihn aus dem Kanzleramt.

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Für seine Überzeugung eintreten, auch wenn es unangenehm wird, Verantwortung übernehmen, entschlossen handeln, dies war auch in den späteren Jahren das politische Credo des Mannes, der - einer hübschen Anekdote zufolge - bei Visionen zum Arztbesuch riet. Wie kein anderer wurde er zum „Elder Statesman“, ja der Begriff scheint nur für ihn erfunden worden zu sein. War die Bilanz seiner Kanzlerzeit noch durchwachsen, wurde er ohne die Fesseln des Amtes zur politisch-moralischen Instanz, zum brillanten Vordenker, zum Vorbild auch für die Jüngeren - und stellte damit alle seine Vorgänger und Nachfolger in den Schatten.

Gerade jetzt, da Deutschland und Europa vor der größten Aufgabe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen, hätten viele gerne Schmidts Expertise gehört. Einer, der die Lücke ausfüllen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Seine Stimme wird uns fehlen.

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