Italien droht politische Lähmung

Kommentar: Ruf nach den Pyromanen

Spinnen die Italiener? Zwar liegt das Mitte-Links-Bündnis des seriösen, wenn auch farblosen Pier Luigi Bersani im Abgeordnetenhaus in Führung – aber Silvio Berlusconi ist im Senat überraschend stark. Von Lorenz von Stackelberg

Rund 50 Prozent der Wähler vertrauen ihre kostbare Stimme zwei politischen Irrlichtern mit jeder Menge Katastrophenpotential an: dem unsäglichen „Cavaliere“ und dem entfesselten Wutbürger Beppe Grillo. Frei nach dem Motto: Wenn das Haus in Flammen steht, ruft man nach den Pyromanen und dreht dem erprobten Feuerwehrmann Mario Monti, der die Flammen schon fast unter Kontrolle hatte, das Wasser ab. Brandbekämpfung a là bella Italia.

Phasen der Unregierbarkeit hat das Mittelmeer-Land zwar schon des öfteren überstanden; im Angesicht der Euro-Krise würde das aber ein Menetekel bedeuten. Erschrocken verfolgt Europa, wie jener Mann feixend wiederaufersteht, der Italien mit seinen endlosen Gerichtsverfahren, seinem peinlichen Sexualleben, seinen bizarren Tricksereien und Machtspielchen weltweit blamiert und wirtschaftlich an den Rand des Abgrunds geführt hat. Der Totengräber übt sich in der Rolle des Spielverderbers, kongenial ergänzt von einem Komiker, der die Finanzämter abschaffen will und ansonsten Wutgeheul mit Programmatik verwechselt. So führt man Politik ad absurdum.

Neuwahlen wären das letzte Mittel

Jetzt droht in Italien Agonie. Das überschuldete Land steckt in einer tiefen Rezession mit hoher Jugendarbeitslosigkeit. Sollte in Rom keine regierungsfähige Mehrheit zustandekommen, dann wäre der stockende Reformkurs mausetot. Steigende Zinsen an den Kapitalmärkten würden die Rückkehr der Schuldenkrise einleiten – aber diesmal stünde kein Retter in der Kulisse bereit. Neuwahlen wären das letzte Mittel. Und der Rest der EU, allen voran die Deutschen, könnte das schlimmstmögliche Szenario nicht mehr ausschließen – das kranke Land am Mittelmeer würde jeden Rettungsschirm zerreißen.

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