Die Deutschen und der US-Präsident

Kommentar: Lieber mit Obama

Washington - Die Menschen in Amerika wären bei der Präsidentschaftswahl mit Barak Obama besser bedient. Denn: Er hat schon viele Fehler gemacht, Mitt Romney hat sie noch alle vor sich. Von Lorenz von Stackelberg

Gemessen an eigenen Erfahrungen mit Naturkatastrophen haben die Deutschen durchaus noch Chancen, dass ihr Favorit Barack Obama vom amerikanischen Wähler eine Verlängerung für das Weiße Haus erhält: Schließlich bot das Oder-Hochwasser im Jahre 2002 kurz vor der Bundestagswahl Kanzler Gerhard Schröder die unverhoffte Gelegenheit, als sturmerprobter Deichgraf in Gummistiefeln die Herzen der Menschen zu erobern, während sein bis dahin aussichtsreicher Herausforderer Edmund Stoiber unterging. Supersturm „Sandy“ könnte sich noch als Obamas erfolgreichster Wahlhelfer entpuppen, denn der US-Präsident hat selbst nach dem Urteil politischer Gegner die Chance genutzt, sich als zupackender Krisenmanager und einfühlsamer Tröster zu profilieren.

Ob ein erneuter Wahlsieg Obamas wirklich die Erwartungen jener 85 Prozent erfüllen würde, die sich hierzulande eine Wiederwahl des schwarzen Charismatikers wünschen, ist gar nicht so sicher – die große transatlantische Liebe scheint eine recht einseitige zu sein. Obamas Verhältnis zur Kanzlerin wird zwar von Insidern gelobt, vertraut wirkt es nicht. Für einen offiziellen Staatsbesuch fand der US-Präsident im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger nie Zeit. Und wenn Deutschland einmal auf der Agenda der US-Regierung auftaucht, setzt es entweder Kritik wegen angeblich mangelnden Engagements in der Nato und in Afghanistan, oder es hagelt arrogante Ermahnungen, wie sich die Regierung in der Euro-Krise zu verhalten habe. Ansonsten blickt Obama lieber nach Asien.

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Wenn man sich als Deutscher dennoch wünscht, der Präsident würde morgen im Amt bestätigt, dann deshalb, weil Obama ehrlich versucht hat, sein Credo „Change“ in die Tat umzusetzen – vom Abzug aus dem Irak über das Gesprächsangebot an die Muslime bis zum Neuanfang mit Russland. Und dabei lernen musste, dass Politik sich immer noch primär an knallharten Interessen und weniger am guten Willen orientiert. Angesichts der bedrohlichen Weltfinanzkrise und diverser gefährlicher Brandherde von Afghanistan über Pakistan und Afrika bis zum Iran ist die Welt mit einem vom Himmelsstürmer zum Realpolitiker desillusionierten Obama besser bedient als mit einem Mitt Romney, der alle Fehler noch vor sich hat.

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