Eine offene Wunde

Kommentar: Wiesn-Attentat wird neu untersucht

Endlich. Endlich wird nun ermittelt. Das Oktoberfest-Attentat von 1980 ist eine offene Wunde in der Geschichte der Bundesrepublik. Von Dirk Walter

Vernichtete Spuren, nicht befragte Zeugen, schludrige Ermittlungen – all diese Hinweise haben sich über Jahre hinweg zu einem Bild planmäßiger Behörden-Schlamperei, vielleicht auch bösartiger Vertuschung, verdichtet. Das war langsam unerträglich. Vielleicht wäre dennoch nichts passiert, wenn nicht in der Zwischenzeit das NSU-Mordtrio aufgeflogen wäre. Seitdem aber weiß man, zu welchen geplanten Mordserien Neonazis fähig sind.

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Auch schon 1980? Es war eine andere Zeit, damals, als Strauß Bundeskanzler werden wollte, Linke und Rechte vehement darüber stritten und mitten in der aufgeheizten Atmosphäre des Wahlkampfs die Oktoberfest-Bombe explodierte. Aus heutiger Sicht lesen sich auch die damaligen Relativierungen der neonazistischen Umtriebe unerträglich – etwa die des einstigen CSU-Innenministers, der von „halbverrückten Spinnern“ sprach. Denn wie man heute weiß, war das Jahr 1980 geradezu gekennzeichnet von einer auffälligen Serie rechtsextremistischer Anschläge. Damals aber rückte all dies angesichts der allgegenwärtigen RAF-Bedrohung in den Hintergrund.

Die Ermittler müssen sich nun durch ein jahrzehntelang gewachsenes Dickicht von Behauptungen und Verdächtigungen bewegen – die Vermutungen über die Helfershelfer des Haupttäters Gundolf Köhler blühen ja unendlich. Stasi-Kontakte? Verbindungen zu einem geheimen Nato-Netzwerk namens „Gladio“? Leicht wird es nicht, hier Ordnung reinzubringen. Letztlich aber ist man es den Opfern schuldig, dass dieser schwerste Terroranschlag, den es in der Bundesrepublik jemals gab, lückenlos aufgeklärt wird. Sofern es dafür nicht schon zu spät ist. 34 Jahre danach Ermittlungen zu einem Anschlag wiederaufzunehmen, beinhaltet auch das Risiko des Scheiterns. Am Ende werden die Ermittler vielleicht sagen müssen: Wir kommen nicht weiter. Aber dann hat man es wenigstens versucht.

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